Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 9 (September 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-09-01
- Page
- 429 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316633-2320947--02892-2321087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 429 Ob die bisherigen Fraktionsgenosten Köhler's viel mehr geleistet haben als diese bloße „Ziffer in der Fraktionsliste", scheint übrigens nach dem Verhalten derselben bei den seit November 1895 bis Mitte Juni 1897 im Reichstage stattgehabten namentlichen 4L Abstimmungen recht zweifelhaft. Bei diesen 45 Auszählungen war von den 16 Antisemiten immer nur etwa die Hälfte anwesend und von der anderen Hälfte fehlten die meisten ohne Entschuldigung. Zur höchsten Stufe in letzterer Beziehung haben es Köhler und Böckel gebracht, ersterer fehlte 39 mal, darunter 35 mal ohne Entschuldigung, Böckel fehlte 36 mal ohne Entschuldigung. Dann kommen erst Ahlwardt, der 35-, Hirsche!, . der 31-, und Bindewald, der 28mal fehlte. Die wenigen „deutschsozialen Reformer", die an namentlichen Abstimmungen Theil nahmen, sind keineswegs einig gewesen. 15 mal stimmten sie lustig wider einander, als ob niemals einer der Ihrigen in Volksversammlungen versichert hätte, daß die Reinheit und Einheit des Wollens lediglich bei ihnen zu finden sei. Gegen den Abg. Liebermann von Sonnenberg, dessen Führerschaft thatsächlich viel zu der Uneinigkeit der antisemitischen Fraktion beiträgt, erhebt deshalb Hans von Mosch heftige Anklage. Er schreibt: „Warum ist der Einfluß Liebermanns ein so unheilvoller? Weil er uns stets als Anhängsel dem gründlich in den Schlamm gefahrenen konservativen Karren anzuhängen bemüht war und daffelbe traurige Spiel heute mit dem „Bunde der Landwirthe" treibt. Daß er dies darf, während seine Fraktionsgenoffen mit der Gründung von Bauernbünden und mit scharfen Angriffen gegen den „Bund der Landwirthe" vorgehen, — das muß uns in den Augen der politischen Welt geradezu lächerlich nnd verächtlich machen! Was ist das für eine Partei, deren Abgeordnete in solchen Grundfragen direkt gegen einander arbeiten?!!" Die in einer Berliner Korrespondenz des „Hann. Couriers" enthaltene Mittheilung, daß Liebermann ursprünglich zum Direktor des „Bundes der Landwirthe" ausersehen gewesen und seine Wahl nur an dem Widerspruch von Manteuffels gescheitert sei, würde Manches erklären. Die „Deutsche Tageszeitung" erklärte dies aber als ein aufgewärmtes Märchen und bestritt auch, daß der jetzige Direktor Di*. Hahn in demselben Maße wie Liebermann für die Konservativen bete naive sei und eine „agrarische Parlamentsfraktion" zu gründen beabsichtige. Etwas scheint aber daran doch zu sein, da kürzlich die „Korresp. des Bundes der Landwirthe" schrieb: „Wir stehen nicht in Lohn und Brod der Konservativen, aber auch nicht der Antisemiten, lasten uns überhaupt von keiner Partei ausschließlich in Beschlag nehmen."