Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 9 (September 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-09-01
- Page
- 428 (sequence 3)
- Language
- German
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428 )m deutschen Reich. duldsameren Zeit zu schließen. Selbst wenn die antisemitische Fraktion im Reichstag gänzlich zerfiele, würde deshalb der Antisemitismus, den andere politische Parteien vorher als Nebenberuf getrieben haben und den sie nach dem etwaigen Ruin der deutsch-sozialen Reformpartei als solchen sofort wieder eifrig betreiben würden, noch lange nicht aufhören. Die verhüllte Intoleranz ist aber jedenfalls gefährlicher als die unverhüllte, welche auf alle anständige Gemüther abstoßend wirkt I Für diese letzteren ist jedenfalls das offenkundige Treiben im judenfeindlichen Lager recht lehrreich. Der Abgeordnete Dr. Paul Förster, welcher bekanntlich vor Kurzem aus der deutsch-sozialen Reformpartei austrat, richtete an die „Zeit" ein längeres Schreiben, in welchem er sagte, er sei derselbe geblieben wie früher, sehe aber kein Heil bei der Partei, der er bisher angehört habe, wenn sie in der bisherigen Weise weiter wirthschafle. Nicht die Politik verderbe den Charakter, wohl aber die Parteipolitik und „P a r t e i m e i e r e i!" Wohin diese antisemitische „Meierei" geführt hat, zeigt folgende Darlegung der „Köln. Volksztg.": „Dr. Förster ist aus der Reichstags-Fraktion ausgeschieden, weil ihm die Zucht- und Direktionslosigkeit der Fraktion nicht länger erträglich schien. Von Dr. Böcke! ist kaum mehr die Rede. v Ahlwardt widmet sich jetzt vor Allem seinem neuen Berliner Cigarrenhandel. In Sachsen aber verläßt die Beamtenschaft in Hellen Haufen das antisemitische Lager, um in dasjenige des von der Regierung bevorzugten Konservatismus einzuschwenken, während die Sozialdemokraten schon als lachende Erben vor der Thür stehen. Der antisemitische Reichstags- Abgeordnete für Gießen, Köhler, hat eine Erklärung veröffentlicht, in welcher er ankündigte, daß er und sein Fraktionsgenoffe Hirsche! in der deutschen Reformpartei sich nicht befriedigt fühlten und sich der süddeutschen Bauernbewegung anschließen würden. Auf diese Erklärung antwortete der Abg. Liebermann v. Sonnenberg in schroffer Weise. Er fand es bedauerlich, daß kurz vor den allgemeinen Wahlen ein Abgeordneter so wenig Korpsgeist besitze, „durch überflüssige Redseligkeit die Partei bloßzustellen," aber sonderlich erstaunt brauche man darüber nicht zu sein. Herr Köhler sei nie etwas Anderes gewesen, „als eine Ziffer in der Fraktionsliste," er habe auch die Fraktion nur geniert, wenn er ab und zu ein Mal in die „wendische Hauptstadt" Berlin gekommen sei." — Uebrigens soll für Köhler's Austritt nicht nur seine erfolgreiche Bewerbung um die Bürgermeifterstelle in Langsdorf, sondern auch der Umstand maßgebend gewesen sein, daß er das Defizit der in Offenbach erscheinenden, von dem Abg. Hirsche! redigierten „Deutschen Volksmacht" nicht mehr decken wollte oder konnte.