Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 9 (September 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-09-01
- Page
- 427 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 427 ein solcher Gedanke Platz greifen kann, dafür mag auch folgende Thatsache als Beweis dienen. Wir hatten den Vorschlag gemacht, daß warmherzige Menschenfreunde, Männer wie Frauen, sich dazu bereit finden möchten, die Ueberschwemmungsgebiete auf eigene Kosten zu bereisen und durch eigenen Augenschein sich von dem Nothstande zu überzeugen, um hierher zu berichten, wo und welcher Art Hülfe am nöthigsten sei. E i n Herr erklärte sich zu diesem hochherzigen Liebeswerk bereit, wir veröffentlichen nachstehend seinen ersten Bericht, und dieser eine Herr, dessen Namen wir auf seinen Wunsch verschweigen müssen, ist — ei n Iud e." Wie richtig die „Voss. Ztg." die Aeußerung des Förster Magistrats beurtheilt hatte, ging aus einem Schreiben des dortigen Bürgermeisters Lehmann hervor, in welchem gesagt wurde: „Bei der thurmhohen Arbeit, die angesichts der Katastrophe Kopf und Hände bei mir voll in Anspruch nimmt, war es mir nicht möglich gewesen, wie ich gewünscht, selbst die Dankeszeilen zu entwerfen, mußte vielmehr die Erledigung dem Bureau überlaffen, in dem irgend ein Beamter sich — sicherlich in der Eile ohne besondere Pointe — in der für den vorliegenden Fall unpaffenden Weise im Ausdruck vergriffen hat. Ich bedauere das Vorkommniß wiederholt und brauche wohl nicht hinzuzufügen, wie tief alle Kreise Hierselbst davon durchdrungen sind, daß es sich diesem Schicksal gegenüber um keine Partei- oder R e l i g i o n s u n t e r - schiede, sondern lediglich um unglückliche Mitmenschen Handelt." — Daß sich die antisemitische Presse über diese ihren unduldsamen Parteigrundsätzen widersprechende Kundgebung ärgern würde, war zu erwarten. Sie machte ihrem Aerger dadurch Luft, daß sie die Behauptung aufstellte, der Förster Bürgermeister sei nur durch die „Voff. Ztg." veranlaßt worden, im Interesse seiner nothleidenden Gemeinde zu revozieren; das gedachte Blatt sei allein die Anstifterin eines vom Zaun gebrochenen religiösen Gezänks. In Wirklichkeit ist dieser Zank aber erst durch die Antisemiten vom Zaun gebrochen worden, welche um keinen Preis den Begriff der „christlichen Nächstenliebe" in der „allumfassenden Menschenliebe" aufgehen sehen möchten. Wer die antisemitische Auffassung der Nächstenliebe richtig beurtheilen will, der braucht nur zu beobachten, wie sich die Judenfeinde unter einander befehden und nur durch den Judenhaß und die Spekulation auf die schlimmsten Instinkte der Massen zusammengehalten werden. Dieser Kitt ist aber so fest, daß es grundfalsch wäre, aus dem jetzigen Wirrwarr im antisemitischen Lager auf das Herannahen einer