Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 9 (September 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-09-01
- Page
- 426 (sequence 1)
- Language
- German
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426 Wmscharr. Äer Antisemitismus wird aufhören, wenn jeder Christ ein guter Christ und jeder Jude ein guter Jude wird — auf diesen Ausspruch des Wiener Rabbiners Di\ Güdemann wurde in einem Aufsatz in dieser Zeitschrift (Heft 6, Jahrgang 3, Seite 305) verwiesen, um das zu betonen, was die gemeinsame Aufgabe aller Wohlgesinnten unter den Bekennern der verschiedenen Religionen sein sollte. Besonders ist aber die ebenso treffende Aeußerung des judenfeindlichen Philosophen Eugen Dühring: „Ein Christ kann kein ernsthafter Antisemit sein!" dazu angethan, jeden wahren Christen vor einer Bewegung zu warnen, die den einfachsten Begriffen der Humanität Hohn spricht, und die Juden zu überzeugen, daß es für sie eigentlich nichts Verletzendes bedeutet, wenn einmal von christlicher Seite „Menschenfreundlichkeit" und „Christenthum" identifiziert werden. Gerade diese Vermischung berechtigt zu der frohen Hoffnung, daß einst jeder religiös gesinnte Mensch bestrebt sein wird, den segensreichen Einfluß seiner Religion durch Duldsamkeit, Vorurtheilslosigkeit, durch wahrhaft menschenfreundliche Gesinnung und That zu beweisen. Die im Alten Testament gelehrte Nächstenliebe bleibt dieselbe Menschenpflicht, gleichviel ob man sie „jüdisch" oder „christlich" nennt; auch für sie gilt wie für alles Göttliche das Wort Goethe's: „Gefühl ist Alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth!" Deshalb haben sich diejenigen jüdischen Mitbürger, welche daran Anstoß nahmen, daß der Magistrat von F o r st in seinem Dankschreiben für die Sammlungen zu Gunsten der Ueberschwemmten von einem Akt „christlicher Nächstenliebe" sprach, ganz unnöthig ereifert. Die „Voss. Ztg." bemerkt hierzu: „Der Magistrat hat zweifellos nur einen ihm geläufigen Ausdruck gebraucht, ohne auch nur von ferne her daran zu denken, dem Wohlthätigkeitswerk einen konfessionellen Stempel auszudrücken. Daß davon keine Rede sein kann, weiß der Förster Magistrat und jeder, der die Listen der Spender in unserem Blatte gelesen hat. Schon die Namen laffen erkennen, daß unsere jüdischen Mitbürger an diesem Liebeswerk einen ganz hervorragenden Antheil haben, wobei noch zu bemerken ist, daß ein großer Theil der jüdischen Spender sich bescheiden nur hinter Chiffren verbirgt. Wie wenig