Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1897)
- Article
- Die Juden als Deutsche
- Date
- 1897-07-01
- Page
- 367 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316632-2320794--02764-2320885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Juden als Deutsche. S67 eigenen hebräischen. Die aus England im dreizehnten Jahrhundert vertriebenen Juden scheinen bald ihr Englisch vergessen zu haben; die aus Frankreich Vertriebenen hingen länger dem Französischen an, vertauschten es'aber nach und nach mit dem Deutschen. Dagegen haben die aus Spanien vertriebenen Juden um so zäher an der Sprache der Pyrenäenhalbinsel festgehalten. Noch im Anfänge unseres Jahrhunderts wurde in der Synagoge zu Bayonne in Frankreich spanisch gepredigt, und noch jetzt, vier Jahrhunderte nach der Austreibung durch Ferdinand und Jsabella, ist spanisch die Muttersprache der Juden in einem großen Theile der Türkei. Ebenso haben die aus Deutschland vertriebenen Juden die deutsche Sprache nach Polen und Rußland getragen und halten noch jetzt an ihr fest. Sie sind in diesen Ländern zu Pionieren des Deutschthums geworden, sie halten noch jetzt in Böhmen und Mähren trotz des deutschnationalen Antisemitismus größtentheils >zu den Deutschen. Und diese Germanisirung war keine nur äußerliche. Wie schon im dreizehnten Jahrhundert der jüdische Minnesänger Suezkind von Trimberg deutsch dichtete, so haben die Juden stets am geistigen Leben der Deutschen theilgenommen, empfangend und gebend. Besonders hat die Bibel durch Luthers Uebersetzung das deutsche Geistesleben tief beeinflußt. Es ist freilich heute bei manchen Antisemiten ein Zeichen des Dcutschthums, die Bibel herabzusetzen und lächerlich zu machen, obgleich sie damit sich selbst nicht als Deutsche erweisen, sondern nur dem Franzosen Voltaire Gefolgschaft leisten. Die großen Deutschen des vorigen Jahrhunderts haben die Bibel mit Ehrfurcht und Bewunderung betrachtet. Man lese nur Herders „Vom Geist der ebräischen Poesie" nnd besonders das darin über die Psalmen Gesagte. Es ist charakteristisch, daß Voltaire sich am häufigsten über „die Berge, welche wie Böcke hüpften", des 114. Psalms lustig machte, den Herder so sehr bewunderte. Und eine noch höhere Meinung von den Psalmen hat I. G. Müller, der Herausgeber seiner Werke. So hat denn auch Herder gewünscht, es möchte ein „deutscher Ebräer" (er sagt nickt Jude) ein Epos von. den Thaten Moses dichten. Er hat damit vielleicht Weßely's „Schire Tipliereth" hervorgerufen, aber er hat wohl an ein Epos in deutscher