Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 323 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316631-2320618--02648-2320730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 323 Wieden sich nach mittelalterlichen Verhältnissen zurücksehnenden Handwerkern gegenüber fälschlich die jüdischen Industriellen als Urheber der ihnen unbequemen von den technischen Fortschritten bedingten Wandlung hingestellt werden, so werden die akademischen Kreise im antisemitischen Sinne dadurch beeinflußt, daß die Studenten in ihren Verbindungen sich gegenseitig zu dem falschen Glaubenssatze zu bekehren suchen, daß die patriotische Gesinnung eines deutschen Staatsangehörigen durch die Abstammung bedingt sei. Von dieser unbegründeten Annahme ausgehend, hat der Allgemeine Delegirtenkonvent der Burschenschaften in seiner vorjährigen Pfingstsitzung der Erwartung Ausdruck gegeben, „daß auch in Zukunft die Burschenschaften in ihrer ablehnenden Haltung gegen die Aufnahme jüdischer Studirenden treu Zusammenhalten werden". In einer von alten Burschenschaftern in Berlin veranstalteten Versammlung wurde dieser Beschluß auf's Schärfste getadelt und eine Kommission damit beauftragt, die alten Burschenschafter Deutschlands zu der Erklärung zu veranlaßen, daß auch sie darin einen Widerspruch mit den Grundsätzen der Burschenschaft erblicken. Von 790 Alten Herren erhielt die Kommission solche zustimmende Erklärungen, wovon der präsidirenden Burschenschaft Kenntniß gegeben wurde. Wie verlautet, soll aber die Burschenschaft diese Sache nicht einmal dem Delegirten-Konvent mitgetheilt haben, und ebenso wenig soll die Angelegenheit auf der Tagesordnung, des Pfingsten zu Eisenach zusammengetretenen Delegirtenkonvents gestellt worden sein. Der in den akademischen Kreisen fortwuchernde antisemitische Giftstoff giebt Anlaß zu den ernstesten Besorgnissen, denn schon jetzt zeigt es sich, daß diejenigen, welche als Studenten in den Hörsälen der Wissenschaft diesen Stoff eingesogen haben und jetzt in Amt und Würden sind, jede Gelegenheit benutzen, ihre judenfeindliche Gesinnung durch die That zu bekunden. Während bezüglich der Aufenthaltsbewilligungen den in Berlin lebenden ausländischen Juden gegenüber neuerdings eine wesentlich mildere Praxis eingetreten ist und bei einwandsfreier Führung die Aufenthaltserlaubniß einzelner Ausgewiesenen verlängert wurde, sind uns aus anderen deutschen Städten Fälle mitgetheilt worden, in welchen neuerdings wieder und zwar nicht nur gegen russische, sondern auch gegen österreichische Juden Ausweisungen verfügt wurden. Eine Wendung zum Besseren dürfte schließlich dadurch herbeigeführt werden, daß die meisten Antisemiten den Vorwand religiösen Vorurtheils nicht mehr für nöthig erachten und sich offen als ausschließlich von Rassenhaß geleitet darstellen. Den maßgebenden Kreisen muß es dadurch klar werden, daß Staat und Kirche keinen Nutzen