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Im deutschen Reich · 1897-06-01 · Heft 6 (Juni 1897) · p. 322

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 6 (Juni 1897)
Article
Umschau
Date
1897-06-01
Page
322 (sequence 4)
Language
German
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822 3m deutschen Reich. sich, sobald Gelegenheit zur Anzettelung einer kleinen Judenhetze ist. Dann denkt fast jeder von diesen Wühlern: „Selten habt Ihr mich verstanden, seltener noch verstand ich Euch, wenn wir uns beim Hetzen fanden, dann verstanden wir uns gleich!" Offenkundig ist e4 freilich, daß die Erregung der Gemüther, welche in den von den antisemitischen Wanderrednern in zahlreichen kleinen Städten veranstalteten Versammlungen systematisch erzeugt wird, nicht nur den Juden Nachtheile zufügt, sondern weit größeren Kreisen, indem sie umfangreiche Th eile der Bevölkerung mit den gesammten bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen, unzufrieden macht. Die Steuerkraft und die Arbeitsgelegenheit in den mittleren und kleineren Städten verringert sich außerdem in demselben Maßstabe, in dem die jüdischen Industriellen durch die in engeren Verhältnissen doppelt empfindlich wirkenden Anfeindungen gezwungen werden, nach großen Städten zu ziehen. Am härtesten werden aber doch die kleinen jüdischen Gemeinden durch derartigen Wohnungswechsel der wohlhabenderen Mitglieder betroffen, weil die Verwaltungskosten dadurch auf eine kleinere Anzahl Minderbegüterter zurückfallen, deren Kampf um's Dasein durch die rücksichtsloseste antisemitische Boykottirung ohnehin wesentlich verschärft worden ist. Der durch die rastlosen Fortschritte der Technik begünstigte Massenbetrieb hateineunaufhaltsame Umwandlungdes ganzen gewerblichen Betriebes herbeigeführt. Von den Folgen dieser Wandlung werden aber zahlreiche kleine jüdische Handeltreibende weit härter betroffen, als die Handwerker, die bei tüchtigen Leistungen auch künftig im Handwerk einen goldenen Boden finden können, wenn sie mit der Großindustrie Hand in Hand gehen, statt sich von den antisemitischen Wühlern die Möglichkeit der Rückkehr zu mittelalterlichen Produktionsverhältnissen vorspiegeln zu lassen. Wie die „Ostpreußische Zeitung" berichtete, hat der Schuhmacherobermeister S ch u m a n n aus Berlin kürzlich in einer in Königsberg abgehaltenen Antisemiten-Versammlung einen Damenstiefel vorgezeigt, der von einem Berliner Fabrikanten herrühren und „die betrügerische Herstellungsart der Bazare" kennzeichnen sollte. „Bedauerlicherweise würden derartige gewissenlose Fabrikanten von den Gerichten noch in Schutz genommen." Selbst wenn dieser dem antisemitischen Redner als drastisches Agitationsmittel' dienende Stiefel der Schilderung des Herrn Schumann entspräche, würde er nichts für die Handwerkervorlage im Reichstag und ebenso wenig für die Berechtigung des Antisemitismus beweisen. Uebrigens hat dieser Stiefel dem von den Zünftlern warm empfohlenen Reichstagskandidaten Glasermeister Störmer wenig genützt, da letzterer von allen Kandidaten die geringste Stimmenzahl aus sich vereinigte.

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