Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Moses Mendelssohn's Verdienste um die deutsche Sprache
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 314 (sequence 4)
- Language
- German
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314 Im deutschen Reich. der eigenthümlichen Schreibart Mendelssohn's bemerkbar. Es ist eine glückliche Vereinigung von eindringendem Scharfsinn und durchsichtigster Klarheit. Die „philosophischen Gespräche" sind in der Form des Dialogs geschrieben. Meisterhaft versteht es Mendelssohn, uns sofort in medias res zu versetzen. Wir glauben die beiden Sprecher schon lange mit einander in Disput begriffen, aus dem jetzt der eine die Konsequenz zieht: „So halten Sie, wenn ich Ihre Worte recht verstehe, Leibnizen nicht für den ersten Erfinder der vorherbestimmten Harmonie?" Und nun die Sprache selbst. Wie einfach und ungekünstelt wird jeder Gedanke ausgesprochen, wie frei ist Mendelssohn von jedem Schwulste des Stiles! Wie Mendelssohn über eine Schreibart, die nach Ueberschwänglichkeit und Gekünsteltem strebt, geurtheilt hat, zeigt seine Kritik über Hamann's Stil. Er hält ihn für einen Schriftsteller, „der feine Beurtheilungskraft besitzt, viel gelesen und verdaut hat, Funken von Genie zeigt und den Kern und Nachdruck der deutschen Sprache in seiner Gewalt hat, der also vermöge dieser Eigenschaften einer unserer besten Schriftsteller sein könnte, durch die Begierde aber, ein Original zu sein, verführt, einer der tadelhasten geworden ist." Welches Vorbild für seine Schreibart hatte sich aber Mendelssohn erwählt? Keinen geringeren als den Meister der griechischen Prosa, Plato. Dies sagt er selbst in einem Briese an Abbt vom 4. Juli 1762: „Plato hat eine Manier, die mit allen Vorzügen des Shaftesbury'schen Stiles noch eine unnachahmliche Leichtigkeit in der Wendung verbindet. Seine Prosa fließt selbst da, wo sie poetisch wird, so sanft, mit einer so stillen Majestät, daß, wer das Handwerk nicht versteht, glauben könnte, der Ausdruck habe ihm gar nichts gekostet. Ich habe niemals im Plato gelesen, ohne mich zu schämen, daß ich jemals die Feder angesetzt habe; denn wenigstens habe ich schon so viel in meinem Leben geschrieben, daß ich nunmehr Ne geschäftige Hand der Kunst durch den Flor der Natur erkennen kann. Ich fühle es, wie sehr der Mann gearbeitet haben muß, seinen edlen und feurigen Gedanken im Ausdrucke die feine Politur, die sanfte Nundung zu geben. Wir Nachahmer machen es beinahe wie die Sechswöchnerinnen. Zufrieden, daß sie eine leidliche Geburt hergeben, schließen sie die matten Augen zu und kümmern sich wenig um derselben Säuberung. Ich sage wir.