Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Moses Mendelssohn's Verdienste um die deutsche Sprache
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 313 (sequence 3)
- Language
- German
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Moses Mendelssohn's Verdienste um die deutsche Sprache. 813 gegnete mir ein jüdischer Armenvorsteher, der mich mit den Worten anfuhr: „Was hast Du da? Wohl gar ein deutsches Buch?" Sogleich riß er mir das Buch aus der Hand und schleppte mich zum Vogt, dem er den Befehl gab, mich auszuweisen." Welcher Energie bedurfte es also, um stch trotz dieser großen Schwierigkeiten den Weg zu den Wissenschaften zu öffnen? Durch Anstrengung und eisernen Fleiß gelang es Mendelssohn, neben der deutschen Sprache auch die lateinische und einige moderne zu erlernen. Die Kenntniß der vielen Sprachen nun, die er sich mit einem hingebenden Eifer angeeignet hatte, machte ihn bald fähig, die deutsche Sprache mit Gewandtheit zu handhaben. Aber noch immer nicht wäre es Mendelssohn gelungen, sich zu dieser Sprachfertigkeit und -schönheit emporzuschwingen, wenn ihm nicht der große Wurf geglückt wäre, sich Freunde zu erwerben, die seinen Geschmack für eine feine Allsdrucksweise zu bilden verstanden. Zuerst ist hier Lessing zu nennen. Von diesem angeregt, widmete sich Mendelssohn mit Eifer und Erfolg der Lektüre der französischen und englischen Schriftsteller seiner Zeit. Und auch die Freunde Lessing's wirkten fördernd auf den deutschen Stil Mendelssohns. In dieser Weise spricht er selbst von seiner Freundschaft mit Nikolai in einem Briefe an Lessing. (ges. Werke I, 13): „Ich bin der grübelnden Metaphysik auf einige Zeit ungetreu geworden; ich besuche Herrn Nikolai sehr oft in seinem Garten. Wir lesen Gedichte. Herr Nikolai lieft mir seine eigenen Ausarbeitungen vor, ich sitze auf meinem kritischen Richterstuhle, bewundere, lache, billige, tadle, bis der Abend heranbricht; ich bekomme einen ziemlichen Ansatz von einem bsl esprit. Wer weiß, ob ich nicht einst Verse mache? Ihre und Nikolai's Freundschaft hat es dahin gebracht, daß ich der ehrwürdigen Matrone Metaphysik einen Theil meiner Liebe entziehe und ihn den schönen Wissenschaften geschenkt habe." Nikolai, dieser ruhige und einflußreiche Kritiker war es also, der den jungen Philosophen eigentlich erst in die Berliner literariscken Kreise einführte und seinen Sinn der zeitgenössischen schönen Literatur zuwandte. Und in wie kurzer Zeit es Mendelssohn gelang, sich der deutschen Sprache meisterhaft zu bedienen, zeigt uns sein erster schriftstellerischer Versuch. Es sind dies seine „philosophischen Gespräche", die Lessing ohne sein (Mendelssohn's) Wissen hatte drucken und anonym erscheinen lassen. Schon in dieser Schrift sind Spuren