Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Moses Mendelssohn's Verdienste um die deutsche Sprache
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 312 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316631-2320616--02636-2320719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
312 Im deutschen Reich. - Mendelssohn wurde, wenig über drei Jahre alt, von seinem Vater, einem armen Kaufmann in Dessau, in die Schule des Rabbi Fränkel gebracht und nahm dort schnell die Kenntnisse in sich auf, die in der damaligen vorurtheilsvollen Zeit Judenkindern gereicht zu werden pflegten. Aber diese Studien konnten den Geist des hochbegabten Kindes nicht ausfüllen. Ganz aus der eigenen Fülle seines Geistes heraus erkannte er die poetische Kraft und Fülle der Sprache. Ihre erhabenen Bilder erfüllten ganz seine kindliche Seele. Schon als zehnjähriger Knabe beherrschte er die hebräische Sprache mit solcher Gewandtheit, daß er schöne Gedichte zü verfassen im Stande war. Aber immer unbändiger wurde sein Wissensdrang, und als sein. verehrter Lehrer Fränkel einem Rufe als Oberrabbiner nach Berlin folgte, da duldete es den Knaben nicht mehr in den engen Mauern seiner Vaterstadt Dessau. Es trieb ihn mit solcher Gewalt nach Berlin, der damaligen Metropole der Aufklärung und Wissenschaft, daß ihn selbst der Mangel an Existenzmitteln nicht von seinem Vorhaben abschrecken konnte. Die bitterste Roth vermochte auch jetzt nicht seinen Geist zu lähmen. Das Studium . bot ihm immer und immer wieder Kraft und Frische des Geistes. Von jetzt ab suchte Mendelssohn sich die Kenntniß der deutschen Sprache zu erwerben. Aber unter welchen Schwierigkeiten und mit welchen Opfern gelang ihm das! War doch Wissen und Ketzerei bei den Juden gleichbedeutend! . Die Rabbiner und Nettesten der Gemeinde bedrohten diejenigen, welche durch die Erlernung der deutschen Sprache sich den Christen zu nähern suchten, mit Ausweisung aus der Stadt. Um einen Begriff von den Schwierigkeiten zu bekommen, mit denen der junge Mendelssohn damals zu kämpfen hatte, soll hier eine Anekdote folgen, die in Mendelssohns gesammellen Schriften (l, 9) der Vater des jüngst verstorbenen geheimen Kommerzienrathes von Bleichröder erzählt: „Ich kam im Jahre 1746 als armer vierzehnjähriger Knabe nach Berlin und fand Moses Mendelssohn in der Lehranstalt für den Talmud. Dieser gewann mich lieb, unterrichtete mich im Lesen und Schreiben und theilte oft mit mir sein kümmerliches Brod. Aus Dankbarkeit war ich ihm durch kleine Dienstleistungen behülflich, und so schickte er mich unter Anderem irgend wohin, um ein deutsches Buch zu holen. Mit diesem Buche in der Hand be-