Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Moses Mendelssohn's Verdienste um die deutsche Sprache
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 311 (sequence 1)
- Language
- German
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311 Moses Mendelssohns Verdienste um die deutsche Sprache. ^Wnter den gewaltigen Geistern des vorigen Jahrhunderts nimmt zwar nicht die erste, aber doch eine nicht unbedeutende Stelle Moses Mendelssohn ein. Wohnte ihm auch nicht ein so glänzendes Genie inne, wie einem Lessing, einem Goethe und Schiller, so kann man ihm doch nicht ein großes Verdienst auf wiffenschaftlichem Gebiete absprechen. Freilich hat man vielfach Vorzüge an ihm entdecken wollen, die ihm durchaus nicht zukommen. - Wer behaupten möchte, daß die Philosophie in der Ausbildung ihrer Lehren Mendelssohn zu besonderem Danke verpflichtet wäre, möchte wohl auf entschiedenen Widerspruch bei den Gelehrten stoßen. Die Verdienste dieses Mannes liegen auf ganz anderem Gebiete. Er hat den Juden des vorigen Jahrhunderts den Weg zur europäischen Kultur eröffnet, der ihnen bis dahin verschlossen gewesen war. Dies erreichte er dadurch, daß er sie durch sein Beispiel zum Studium der deutschen Literatur und der deutschen Sprache anspornte. Hatte der Jude sich zur Verständigung mit den Christen bisher eines Gemisches von deutscher und hebräischer Sprache bedient, so ist es Mendelssohn's Verdienst, durch die Bibelübersetzung die Juden die deutsche Sprache gelehrt zu haben, die ihnen den Eintritt in die europäische Kultur ermöglichte. Doch nicht allein die Juden schulden Mendelssohn so großen Dank, nein, auch die gcsammte Philosophie verdankt ihm die Grundlegung zu ihrer sprachlich vollendeten Darstellung. Die großartige Meisterschaft in der Handhabung der deutschen Sprache ist das große Verdienst Moses Mendelssohn's. Aber muß nicht diese beinahe künstlerische Eigenschaft bei einem Manne fast räthselhaft erscheinen, der, selbst von Geburt ein Jude, zu einer Zeit lebte, wo die Beschäftigung mit den Wissenschaften als eine schwere Gefahr für die Religion von den jüdischen Rabbinern angesehen und in Folge deffen untersagt war? Die Lösung dieses Problems liegt nun einestheils in dem eigenthümlichen Wissensdrange dieses Mannes, anderntheils in der glücklichen Auswahl seiner Freunde.