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Im deutschen Reich · 1897-06-01 · Heft 6 (Juni 1897) · p. 306

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 6 (Juni 1897)
Article
Das Heidenthum der Neuzeit
Date
1897-06-01
Page
306 (sequence 12)
Language
German
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806 deutschen Reich. benssachen, die Verneinung jeder Moral! Daß dies keine haltlose Behauptung ist, beweisen die Schriften des Philosophen N i e tz s ch e, der von einzelnen Antisemiten als Prophet gepriesen wird, weil seine Lehren allen semitischen Begriffen schnurstracks widersprechen. Ec baute seine Lehren auf Schopen. Hauers Willenstheorie und Darwins Entwickelungslehre auf und zog aus Beiden die allerletzten Konsequenzen. So wurde er, ohne eigentlich ein Feind der Juden zu sein, der Gegner des Judenthums, welchem Gott als der „Ewige" gilt, während Nietzsche von dem seltsamen Satz ausgeht: „Gott ist todt." Die Gottheit und das Jenseits sind ihm nichts, nach ihm ist die Selbstvergötterung, „der Ue b erm ensch", der Sinn der Erde. Wenn andere Philosophen an Gott gezweiselt, so geht er noch weiter, indem er die überkommene Moral als grundfalsch bezeichnet und im Gegensatz zur Bibel sagt: „Was gut und böse ist, das weiß noch nieman d." Er zerbricht die alten, steinernen Tafeln, aber er vermag nicht sein Versprechen einzulösen, und neue Werthe aus neue Tafeln zu schreiben. DiesesGottesl e u g n e r t h u m ist vielleicht Wahnsinn, aber in diesem Wahnsinn würde Methode sein. In dem jetzt irrsinnigen arischen Philosophen Nietzsche scheint eben nur zur vollsten Neife gelangt zu sein, was in Schopenhauer und andern judenfeindlichen Denkern nur keimte, oder was sie mit Rücksicht auf Kirche und Staat nicht so klar zum Ausdruck gelangen ließen wie Nietzsche in „S o s p r a ch Zarathustra" und in „I e n s e i t s von E u t u n d Bös e". Wenn dies Irrsinn ist, dann waren jene langathmigen Auseinandersetzungen, welche über die „B i b e l und d i e a l t t e st a m e n t l i ch e Moral" wiederholt an Gerichtsstelle gestattet wurden, Ausflüsse ähnlichen Wahnwitzes, und diese wirkten sicher verderblicher und ansteckender als der schwerer faßbare N i c tz s ch e a n i s m u s. Der „wissenschaftliche AntisemitiSmus", der gegen die „Judenmoral" eifert, weil er, sich jenseits von Gut und Böse haltend, jede Moral verpönt, der das Judcnchristenthum bekämpft, weil er überhaupt durchaus religionsfeindlich wirkt, ist das moderne H e i d e n t h u m, das weder dem Staate noch der Kirche eine Stütze sein kann und nur das Judenthum besonders anfeindet, weil diese? am zähesten an den sittlichen.

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