Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Das Heidenthum der Neuzeit
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 305 (sequence 11)
- Language
- German
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Das Heidenthum der Neuzeit. S0S Aus diesem Grunde kann aber auch das Bündniß zwischen den Konservativen und den Antisemiten nicht von Dauer sein. Die Parteien, welche sich die „staatserhaltenden" nennen, können sich über den staatszerstörenden Charakter ihrer zeitweiligen Bundesgenoffen auf die Dauer nicht täuschen. Offenbar um diesen später unvermeidlichen Bruch zu verzögern, betonte der Reichstags-Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg in einer Wahlrede, daß Dühring, Radenhausen und Marr nicht Mitglieder der deutsch-sozialen Partei seien. Das waren sie freilich nicht, wohl aber waren und sind sie die Haupt-Autoritäten der Antisemiten, die ihre Schriften beharrlich preisen und zum Ankauf empfehlen und fast bei jeder Gelegenheit als ihre Weisheitsquelle benutzen. Die ehrlichsten Aeußerungen dieser wiffenschaftlichen Autoritäten der Antisemiten eitiren die letzteren weislich niemals. Sie verschweigen, daß der von ihnenhochgepriesene Philosoph N ie tz s ch e an einer Lobpreisung des Hohenstausenkaisers Friedrich II. den Ausruf knüpft: „Ich kann nicht begreifen, wie ein Deutscher ein Christ sein kann!" Ebenso wenig citiren Liebermann von Sonnenberg und Genoffen die in Dü h rings Schrift „Die Parteien und die Judenfrage" enthaltene Aeußerung: „Ein Christ kann kein ernsthafter Antisemit sein." Die Wahrheit dieser Worte ist einleuchtend wie der Ausspruch des Wiener Rabbiners Dr. Güdemann: „Der Antisemitismus wird aufhören, wenn jeder Christ ein guter Christ und jeder Jude ein guter Jude wird." Noch scheinen wir leider nicht so weit zu sein; noch wird die Lehre von dem Einzig-Einen vielfach der Lästerung preisgegeben, trotzdem der von den Antisemiten straflos geschmähte Name „Jahve" auch auf zahllosen christlichen Emblemen zu finden -ist. Noch begründet man durch von Convertiten auf Bestellung gefertigte falsche Talmud-Uebersetzungen die bittersten Schmähungen der „semitischen Moral". Noch wird vielfach bestritten, daß schon im Alten Testament die Nächstenliebe, die Unsterblichkeit und vieles Andere, was Menschen erhebt und veredelt, gelehrt worden ist! Noch verkennt man die Notwendigkeit, statt der unterscheidenden Dogmen, das zu betonen, was die Bekenner der verschiedensten Religionen einigt! — Die Folge ist die Z u n a h m e der Irreligiosität, der vollständigste Jndifferentismus in Glau- 21*