Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Das Heidenthum der Neuzeit
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 303 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Heidenthum der Neuzeit. 303 Jugend schaffenden goldenen Aepfel mahnen an die Bäume im Garten Eden. Thor, Hephästör und Tubalkain weisen gewisse Aehnlichkeiten auf. Wie die indische Mahabharata den frommen Manur, so läßt der Grieche den Deukalion, die Bibel den Noah der Sintfluth entkommen; außerdem wird bcn beiden letzteren die Erfindung des Weins zugeschrieben. Woher diese Uebereinstimmung stammt, ist schwer nachzuweisen; wahrscheinlich haben sich schon in uralter Zeit semitische Ueberlieferungen mit arischen vermischt, lange bevor noch mit dm weltcrobernden Legionen der Römer Juden nach Gallien und Deutschland gekommen sind., Wenn trotzdem der große römische Geschichtsschreiber Tacitus, der Treitschke der Alterthums, die Semiten sehr abfällig beurtheilt und besonders die Germanen überaus hochstellt, so muß man dabei sein anerkennenswerthes Bestreben in Betracht ziehen, den entsittlichten Römern ein durch Hpperkultur noch nicht entnervtes Volk als Vorbild vorzuhalten. Leine „Germania" erinnert an die scheinbar bildungsseindliche Verherrlichung des Naturmenschen, durch welche später Jean Jacques Rousseau den parfümirten Schleppenträgern der Dubarry Entsetzen einjagte. Wenn auch die Aehnlichkeit der ältesten arischen und semitischen Ucberlieferungen auf einen gemeinsamen Ursprung derselben hindcuten, ist die Entwickelung sicher eine sehr verschiedenartige gewesen. Jedenfalls ist es eine Thatsache, daß den schlichten, überzeugenden Verkündigungen, die sich in den biblischen Urkunden vorfinden, die Veredlung der Menschheit zu danken ist und daß man tue großartigsten Erfolge des Christenthums ebenso wie die Unverwüstlichkeit des allen Anfeindungen seit Jahrtausenden trotzenden Judenthums nurauf den wahrhaft sittlichen offenbarten alttestamentlichen Gottesbegriff zurückführen kann. Dem Materialismus, der in unserer Zeit schon so viele Ideale zerstört hat, behagt dies freilich nicht; der Ichsucht legt die Moral der Bibel Schranken auf, welche ihr unbequem sind. Der rücksichtslose Genußmensch muß sich scheuen, einen unsichtbaren Schöpfer anzuerkenuen, dem er Rechenschaft schuldet; selbst ohne Moral, lästert und verleumdet er die Moral der Bibel oder, wenn ihm dazu der Muth gebricht, wenigstens die angebliche „Talmud-Mora l", trotzdem der Talmud ein 21