Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Der konfessionelle Eid
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 288 (sequence 2)
- Language
- German
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288 3m deutschen Reich. pflichtige dadurch in die Lage versetzt wird, hieran Anstoß zu nehmen. Bei Gelegenheit solcher Zusammenstöße hofft man dann im Trüben zu fischen und „im Interesse, der Würde des Gerichts" die jüdischen Richter am liebsten überall, mindestens aber da, wo fie Eide abzunehmen haben, zu beseitigen. Es kommt hinzu, daß auch noch eine dritte Klasse von Antisemiten, die Misfions- Begeisterten, hier einsetzen will, welche auf die Taufe der Schwachmütigen rechnet; der besondere Judeneid soll für diese ein Anstoß fein, sich ihrer Zugehörigkeit zu einer angefeindeten Minorität zu schämen und in's Lager der herrschenden Majorität zu flüchten. Das sind die wahren Ziele der Antisemiten, wenn sie eine Aenderung des Eides im konfessionellen Sinne befürworten. In der Oeffentlichkeit suchen sie diese Absichten freilich oft zu bemänteln, um aus nicht-antisemitischen Kreisen einen solchen Stimmenzuwachs für ihre Bestrebungen zu erhalten, daß sie einen Einfluß auf die Gesetzgebung dadurch erreichen können. Wir kennen diese Taktik aus der Schächtfrage, wo der Thierschutz seinen Namen für die antisemitische Agitation hergeben muß; wir erinnern daran, daß sich die antisemitischen Organisationen vielfach als „Reform"- oder „Mittelstands"-Vereine einführen. Kurz, mit dem nackten Antisemitismus in seiner ganzen Häßlichkeit wirkt man nicht anziehend, sondern abstoßend, und deshalb sucht man ihm ein leidlich anständiges Kleid umzuhängen. So liegt bei der Eidesfrage Methode darin, wenn die antisemitische Presse, auch die ganz atheistische, ständig über die angebliche — in Wahrheit gar nicht nachweisbare — Zunahme der Meineide wettert, und wenn sie als alleiniges Heilmittel gegen diese Krankheit der Zeit eine größere Feierlichkeit des Eides, die besondere konfessionelle Formel, empfiehlt. Man rechnet, und zwar, wie der Erfolg lehrt, mit Recht, hierbei auf Unterstützung von jener Seite, wo die Kirchlichkeit überhaupt als unentbehrliches politisches und sittliches Erziehungsmittel angesehen wird. Nach jahrelanger Vorbereitung hat sich diese antisemitische Bewegung schließlich in einem Anträge an den Reichstag verdichtet. Herr Liebermann von Sonnenberg und seine Genossen ersuchten darin die Bundesregierungen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, wonach bei allen gerichtlichen Vereidigungen von Parteien, Zeugen und Sach-