Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-05-01
- Page
- 263 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau. 263 auf rütteln wird, welche bisher der Sache mit Gemüthsruhe zusahen. Noch mehr als die erwähnte von dem Mitgliede des Straßburger Vereins deutscher Studenten so übel aufgenommenen Aeußerung des Professor Adolf Michaelis berechtigt zu dieser Hoffnung das Urtheil, welches schon vor einiger Zeit der Leipziger Kirchenrechtslehrer Profeffor Dr. S o h m über den „christlichen Staat" gefällt hat, und die von einer staatsrechtlichen Autorität wie Professor Dr. F r i e d b e r g bei der Berathung des Kultusetats im preußischen Abgeordnetenhause abgegebene Erklärung: „Es ist staatsrechtlich nicht richtig, von einem christlichen Staat zu reden; wir können nur einen konfessionslosen, einen paritätischen Staat anerkennen, der alle Bekenntnisse gleichmäßig behandelt. Ich schließe mit dem Wunsche: Erhalten wir uns einen kräftigen und gerechten Staat, der sich der Wurzeln seiner Kraft bewußt bleibt!" Mit solchen staatsrechtlichen Anschauungen ist aber gewiß der von der Reichstagsmehrheit angenommene Antrag auf Wiedereinführung des konfessionellen Eides in keinen Einklang zu bringen» Deshalb läßt sich erwarten, daß die staatsrechtliche Unrichtigkeit dieses Beschlusses auch von berufener Seite rechtzeitig in das hellste Licht gesetzt werden wird, noch ehe der Bundesrath in die Lage kommt, zu diesem reaktionären Schritt seine Zustimmung zu ertheilen. Die Gefährlichkeit der antisemitischen Agitation ist dadurch wesentlich gesteigert worden, daß den Mafien jede Erörterung der gründlich erschöpften „Judenfrage" langweilig zu werden anfing und die Führer ihre Ziele höher stecken mußten, um nicht die Parteiversammlungen veröden zu sehen. Als der ehemalige Hofprediger Adolf Stöcker, der nicht mehr in der Lage ist hohe Politik zu treiben und deshalb nur auf der Judenfrage herumreitet, auf den 7. Mai eine „Volksversammlung" anberaumte, bestand das um ihn versammelte Volk aus kaum 150 Personen. Die antisemitischen Führer, die keine Pensionen beziehen, treiben deshalb die Judenhetzerei nur noch als Nebengewerbe. Dazu sahen sich schon vor geraumer Zeit der Abgeordnete Zimmermann nebst Gefolgschaft gezwungen, weil das kleine jüdische Häuflein im Königreich Sachsen bei Niemanden ernstlich Anstoß erregen konnte und dazu ist schon jetzt auch der ehemalige Rechtsanwalt Graf Neventlow in Kiel veranlaßt, weil es in Schleswig-Holstein fast keine Juden giebt und christliche „Jakobsens" es sich nicht gefallen lassen, zum Zwecke der Judenhetze fälschlich „Jacobsohn" genannt zu werden! Lehrreich ist es gewiß, daß, während in Preußen die meisten konservativen Organe die ehemaligen