Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-05-01
- Page
- 259 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau. 259 Wechsel deutenden Aeußerung: „Die böse Saat, die damals gesäet wurde, ist üppig in's Kraut geschossen und es wird so leicht nicht gelingen, den Acker wieder zu reinigen." Immerhin sind manche vorurteilsfreie Aeußerungen aus den Kreisen, die ehemals als dem Antisemitismus günstig gesinnt angesehen wurden, als erfreulich zu bezeichnen. Vieles von dem, was bei der „Flucht des Staatssekretärs von Marschall in die Oeffentlichkeit" und der Verhandlung des Judengeldsammler - Prozefles an Gerichtsstelle gesagt worden ist, gehört zu den „Worten, die nie verhallen, die wie ein Stein in tiefem Brunnen nie ganz zu Boden niederfallen." v Einen bemerkenswerthen Nachtrag dazu lieferten die folgenden in dem Jahresberichte des evangelischen Kirchenbauvereins enthaltenen Aeuße-» rungen des Vorsitzenden des Oberhofmeisters Freiherrn von Mirbach: „Auch im vergangenen Jahre sind von extremer Seite unsere Arbeiten wieder zum Gegenstand heftiger Angriffe und Verleumdungen gemacht worden. Da man in frivolster W^e i s e sogar unsere Protektorin und den Kaiser hineinzog, schritt ich gerichtlich ein. Die Einzelheiten sind Ihnen aus meinen Zeugenaussagen und der strengen Sühne, welche das Vergehen erfuhr, bekannt. Ich möchte nur einen Punkt, welcher Jahre hindurch gegen uns als wirksames Kampfmittel gebraucht wurde, hervorheben, die Redensart: Die meisten Kirchen sind mit Judengeld gebaut und ihnen dafür allerhand Konzessionen gemacht! Die genauen Abrechnungen in meinem Buche ergeben, daß in acht Jahren 25 Millionen für Kirchenbauten in und um Berlin verwendet wurden, daß dabei sich etwa 19 000 Mk. von patriotischen Juden befinden, welche für die fast vier Millionen kostende Kaiser Wilhelm - Gedächtniskirche gespendet wurden! Es sieht gewiß manches in der Welt sehr ernst und traurig aus, sowohl bei Juden als bei Christen, und muß bekämpft und geändert werden. Aber glaubt man, einen Menschen oder gar einen ganzen Kreis von Menschen durch fortwährende Angriffe, Kränkungen und Verdächtigungen zu bessern? — und wieviel Unschuldige werden mit verletzt und zurückgestoßen, besonders wenn ein solcher Kampf von kirchlicher Seite geführt wird. Ich möchte absichtlich erwähnen, daß wiederholt hier jüdische Fabrikherren Gaben für Kirchenbauten, welche im Bereich ihrer Fabriken und für ihre Arbeiter ausgeführt wurden, spenden wollten. Sie wurden wegen der gehässigen Stimmung in Berlin abgelehnt; aber mir ist auch von ernsten, gläubigen Pastoren in den Provinzen er-