Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-05-01
- Page
- 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316630-2320446--02505-2320551- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
258 Im deutschen Reich. gefällte Uriheil äußerte sich der „Deutsche Generalanzeiger": „Wir überlassen es unfern Lesern, die Argumente des Vertheidigers (Rechtsanwalt Ulrich) mit den Gründen des Urtheils zusammenzuhalten. Wir zweifeln nicht, daß unsere Leser dann selbst werden beurtheilen können, welche Deduktion den Vorzug verdient." Daß Carl Sedlatzek durch dieses reichsgerichrliche Urtheil zu den wegen Beschimpfung der jüdischen Religion zu verbüßenden drei Monaten Gefängniß noch für den „Judengeldsammler-Artikel" vier Monate Gefängniß hinzuerhalten hat, kündigte sein Blatt mit den Worten an: „Mögen auch die Juden frohlocken, wir stehen fester als je!" Ueber Strafen, welche die antisemitischen Wortführer „bessern und kräftigen oder fester als je stehen machen" wird aber wohl Niemand frohlocken; sie können nur als Belehrungen und Warnungen für diejenigen dienen, welche irrthümlicher Weise in den jetzt Verurtheilten früher die Lertheidiger von Thron und Altar, Ordnung und Gesetz zu erblicken geneigt waren. Trotz solcher Warnungen finden die antisemitischen Volksbeglücker mit ihren tönenden Reden gegen die „Korruption" noch immer gläubige Zuhörer, welche sich^ gegen die Juden und gegen die angeblich diese begünstigenden Behörden aufreizen lassen. Der Verlauf der Versammlungen, in welchen der Reichstagsabgeordnete Prof. Dr. Paul Förster auf seiner letzten Agitationsreise durch Schlesien seine bekannten Vorträge hielt, hat ebenso wie der Verlauf verschiedener von Ahlwardt veranstalteter Versammlungen gezeigt, daß der radikale Antisemitismus noch nicht ausgespielt hat. Dem Reichstagsabgeordneten Ahlwardt ist zwar in Magdeburg auf Veranlassung eines dortigen Gläubigers nach einem Vortrag das durch die Eintrittsgelder gefüllte Portemonnaie durch den Gerichtsvollzieher aus der Tasche gepfändet worden, und selbst das Stöckerblatr „Volk" konnte es sich nicht versagen, des „wunderlichen Heiligen" zu spotten, aber der Vertreter für Arnswatde durfte es trotzdem wagen, am 3. Mai im Reichstage eine lange Lobrede auf den durchgefallenen Präsidentschafts-Kandidaten Bryan zu halten, und dabei das „liebe Geld als das Mittel zu bezeichnen, mit dem das Judenthum die ganze Welt knechtet." Ob den Doppelwährungs-Männern dieser Bundesgenosse willkommen ist oder nicht, füllt dabei nicht in's Gewicht. In den für die Doppelwährung enthusiasmirten brüderlichen Kreisen kann ein solches von der Tribüne des Reichstags aus gesprochenes Wort sehr leicht eine Wirkung üben, die man nicht unterschätzen sollte. Es mag jetzt in hochgestellten Kreisen eine ganz andere Stimmung herrschen, als zu der Zeit, da die Antisemitenbewegung noch vielfach protegirt wurde, aber sehr richtig bemerkte das „Berl. Tageblatt" zu einer auf diesen Stimmungs-