Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 4 (April 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-04-01
- Page
- 216 (sequence 7)
- Language
- German
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216 3m deutschen Reich. heiligen Kirche selbst unterwühlt, und die Patriarchen, sowie die großen Propheten, welche Gott der Herr erweckt hat, erschüttert« Ich warne Euch dringend. Euch von dieser Bewegung hinreißen zu lassen; sie ist nicht mehr allein gegen daS Judenthum gerichtet, sie bedroht auch die Kirche, indem sie die Autorität der heiligen Schrift, die Tradition erschüttert!" — Mit diesen Gesinnungen der österreichischen Kardinale und Bischöfe steht die Haltung der niederen Geistlichkeit im schroffsten Widerspruch. So konnte sich z. B. kürzlich das antisemitische Wiener „Deutsche Volksblatt" bei einer gefährlichen Aufreizung auf ein Zeugniß des Dechanten Friedrich Kamaryk in Deschua in Mähren bei der Behauptung berufen, daß vier dort gebürtige Mädchen, welche angeblich in Wien „bei israelitischen Familien dienten", spurlos verschwunden seien. Die darauf sofort von dem Wiener. Polizeipräsidenten erbetene Auskunft ergab, daß zwei der genannten Mädchen, Johanna Tessinüki und Maria Pana, nie in Wien gelebt hätten, das dritte Mädchen Marie Novak sich wohlbehalten in Simmering befinde, das vierte Maria Vajta allerdings vor längerer Zeit nach Wien gereist sei und seitdem vermißt werde, daß aber weder bekannt geworden, bei wem das Mädchen gedient, noch unter welchen Umständen es verschwunden sei. — Aus solchen Aufreizungen entwickelt sich dann nicht selten der „Antisemitismus der That", der vor Plünderung, Raub und Mord nicht zurückscheut. Im österreichischen Abgeordnetenhause interpellirte Eugen Abrahamowitsch die Regierung wegen entsetzlicher Ausschreitungen masurischer Eisenbahnarbeiter gegen die Juden, welche in dem galizischen Städtchen Chodorow am 3. und 4. April stattgefunden und die Statthalterei veranlaßt haben, durch eine Schwadron Dragoner und eine Kompagnie Infanterie die Ruhe wieder Herstellen zu lassen. In einer von der „Neuen Bad. Landeszeitung" veröffentlichten Artikel-Serie über den „Antisemitismus in der S ch w e i z " wurde die Behauptung aufgestellt, „daß auch die dortige Abneigung gegen die Juden, welche schon wegen ihrer geringen Zahl gar keine Gelegenheit geben konnten, irgend welchen materiellen Stoff für Ansammlung von Haß gegen sie darzubieten, ein Ueberbleibsel der priest erlichen Tradition des Mittelalters ist, die in manchen katholischen Gegenden noch fast unverändert bis auf den heutigen Tag gepflegt wird, und die in gemilderter Form auch bei der bäuerlichen protestantischen Bevölkerung nachwirkt." In dem betreffenden Artikel wurde ferner gesagt: „In diesem Lande, indem wir die guten wie die schlimmen Seiten einer völligen politischen Freiheit fühlen, wird dem im Volke noch vorhandenen Antisemitismus von