Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 4 (April 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-04-01
- Page
- 215 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316629-2320279--02387-2320387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 215 Die „Staatsbürger-Zeitung" schrieb kürzlich: „Wer meint, daß die Huden in Deutschland die antisemitische Strömung überwunden hätten, daß sie von einer antisemitischen „Reaktion" verschont werden würden, der setzt sich über offenbare Thatsachen hinweg." Diese in einem „Berlin undWien" überschriebenen Leitartikel enthaltene, leider zutreffende Aeußerung, war mit einem Hinweis auf die Erfolge der Wiener Antisemiten verbunden, wobei ebenso richtig dargelegt wurde, daß der ehemals, liberale Dr. Lueger und der klerikale Prinz Liechtenstein bei ihren antisemitischen Bestrebungen „den besten Rückhalt bei den Zwangsgenossenschasten des Handwerks und der niederen katholischen Geistlichkeit gefunden haben." In jedem Falle wird es gut sein, wenn die deutschen Gegner jeden Kulturrückschritts den Wiener Verhältnissen besondere Aufmerksamkeit zuwenden und aus den dort gemachten Erfahrungen eine Lehre ziehen. In Gemäßheit einer bereits bei seinem Amtsantritt abgegebenen Erklärung ist der Wiener Bürgermeister Strohbach am 31. März von seinem Amt zurückgetreten, um den Platz für Dr. Lueger frei zu machen. Dieser wurde am 8. April mit 93 von 132 abgegebenen Stimmen zum ersten Bürgermeister Wiens gewählt. Seine schwunglose, devote Programmrede, in welcher er zudem versicherte, „das Wörtchen „Haß" stände nicht in seinem Wörterbuche, hat seinen an kräftigere Kost gewöhnten Wählern weniger behagt als den Regierungskreisen. Am 14. April hat denn auch der „strebsame" Vorkämpfer des Antisemitismus die kaiserliche Bestätigung als Bürgermeister von Wien erhalten. Wie im Wiener Gemeinderathe, so haben auch bei den Wahlen zum Reichsrathe die österreichischen Antisemiten Erfolge errungen, welche ebenfalls darauf zurückzuführen sind, daß die Mehrheit der Bevölkerung den von den Klerikalen unterstützten Zünftlern unbedingte Heeresfolge leistet. Die katholischen Kirchenfürsten in Oesterreich, welche sich bisher vergebens bemüht haben, den schlimmsten Gehässigkeiten Einhalt zu thun, verhehlten sich nicht, daß von diesem anarchischen Treiben weder Kirche noch Staat Vortheil haben können. In einem von dem katholischen Schriftsteller Julius Lang vor den letzten Reichstagswahlen veröffentlichten Mahnruf an die Wähler Wiens und Niederösterreichs wurde mitgetheilt, daß der Kardinal Fürst Schwarzenberg kurz vor seinem Hinscheiden folgenden Ausspruch gethan hat: „Der Antisemitismus, wie er in Wien getrieben wird, flößt mir ernste Besorgnisse ein. Das ist ein leidenschaftlicher Kampf gegen alle Juden, ja gegen das Alte Testament selbst, welches die Basis des neuen Bundes ist. Dadurch werden die Fundamente unserer heiligen Religion und unserer