Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 4 (April 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-04-01
- Page
- 214 (sequence 5)
- Language
- German
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214 3m deutschen Reich. flußreichsten Bevölkerungskreise förmlich inficirt hat, und weil jetzt die Drachensaat aufgeht, welche in den akademischen Hörsälen Jahre hindurch gesäet worden ist. Als der studentische Fackelzug bei der Centenarfeier sich die Oranienburgerstraße in Berlin entlang bewegte, „ertönten plötzlich" — wie die Staatsbürger-Ztg. berichtete — „aus der Mitte der Studentenschaft die Töne des Trutz- und Kampfliedes „Deutschland, Deutschland über Alles!" Das Antisemitenblatt fügte dieser Mittheilung die Bemerkung hinzu: „Das war gewiß keine zufällige Wahl und läßt einen Schluß auf die Gesinnungen der studentischen Jugend zu." Bei der Hundertjahrfeier des „Vereins deutscher Studenten" iu Düsseldorf bezeichnete Dr. Greeven als eines der Ziele des Vereins „den Kampf wider das Judenthum". Diese Kundgebungen waren leider nicht vereinzelt; ihnen reihten sich die gehässigen Glossen der antisemitischen Blätter über das von den Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft im Börsensaale veranstaltete Konzert sowie über die Betheiligung des größtentheils aus Juden bestehenden Militärvereins „Deutsches Vaterland" an der Feier des Nationalfestes an. Daß das „Lanzenbrecher-Märchen" S t ö ck e r's keinen Glauben gefunden hat. Zeigte nicht nur die Anwesenheit des früher von den Anhängern Stöcker's als „kommender Mann" betrachteten Grafen Waldersee bei dem Festgottesdienst in der Synagoge auf den Kohlhöfen zu Hamburg, sondern auch eine unqualifizirbare Aeußerung des Sigl'schen Hetzblattes: „Das Bayrische Vaterland". Dasselbe schrieb am 21. März: „Auch die Judenschaft hat die Centenarfeier für Wilhelm I. eifrig mitgefeiert. Die verehrlichen „Mitbürger" haben auch allen Grund dazu, denn unter Wilhelm I. und Bismarck ist ein goldenes Zeitalter für sie angebrochen. Der „Baron" von Cohn war der Hofbankier des Kaisers, und Bismarck machte seine Geschäftcher mit dem graußen Bleichröder, dem „theuren, unvergeßlichen Freunde". Dann kamen die fetten Gründerjahre, die Zeit des Niesenrebbachs, wo der Goi noch nichts wußte vom bösen Antisemitismus, — die Zeit des Kulturkampfes, wo Lasker (?!) und Bamberger die erste Geige spielten und die Beschneidung Mode zu werden drohte. Wenn irgend Jemand, so hat Israel Ursache, der Gründer des herrlichen „deutschen" Reiches dankbar zu gedenken." — Die letztere Behauptung ist wahr, wenn auch nicht in dem Sinne des preußenfeindlichen Abgeordneten Dr. Sigl, welcher die deutschen Fürsten aufforderte, sich um den Fürsten Heinrich XXII. von Neuß zu schaaren — so doch in dem unseren!