Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 4 (April 1897)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1897-04-01
- Page
- 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Gabriel Rieffer. 208 sammlung, in welcher zu allem anderen Hader noch der Zwist der Völker und der Stämme träte. — Ich will nicht sagm, daß ich den Gegensatz der Völker und Stämme für einen wesentlich gehässigen und unversöhnlichen halte. Ich erkenne neben dem Absolutismus, der die Völker äußerlich an einander bindet, ein höheres Moment an, das sie innerlich zu einigen vermag; ich erkenne an, daß im Laufe der Geschichte eine mächtige Strömung von Freiheit und Bildung Völker und Stämme zu einem lebendigen Vaterlandsgefühle verbinden kann. Deutschland ist in dieser Hinsicht unglücklich gewesen. Die Stämme, die im Westen von ihm abgerissen worden, sind nach langem Widerstreben durch den gemeinsamen Kampf für Freiheit und Ruhm dem fremden Volke geistig verwandt geworden. Auf die fremden Stämme des Ostens unter Oesterreich's Szepter ist jenes Sühnungsmittel der Freiheit nicht angewendet worden, darum stehen sie sich selber, wie dem deutschen Geiste, noch mehr oder weniger feindlich und grollend gegenüber. Hätte Oesterreich früher daran gedacht, jene Stämme durch freie und edle Institutionen, durch das milde Band gemeinsamer Bildung mit sich und Deutschland auszusöhnen: möglich, daß dann jetzt von beiden Seiten auf ein inniges nationales Band willig eingegangen worden wäre. Aber so, wie jetzt die Sachen stehen, wo es sehr zweifelhaft ist, ob jene Bevölkerungen anders als durch Gewalt und Knechtschaft zusammengehalten werden können, ist es unmöglich, daß wir sie in unser Staatsleben aufnehmen, ohne auf unsere eigene nationale Entwickelung und auf die Ausbildung unserer Freiheit zu verzichten. — Das Hebel, an dem Deutschland leidet, ist keine akute, sondern eine chronische durch die Jahrhunderte schleichende Krankheit. Um diese zu heilen, dazu ist eine veränderte politische Lebensweise, dazu ist die kräftige Diät einer starken einheitlichen Verfassung nöthig; und nur als ein wesentliches Moment einer solchen Verfassung wünschen und wollen wir das Kaiserthum. — Wo die Monarchie sich als eine mächtige Lenkerin und Beschützerin eines großen Staates und seiner Interessen nach Innen und Außen bewährt, da ist sie wahrlich den Herzen des Volkes nicht fremd. In dem großen Preußen sieht man die Monarchie nicht als ein Spielwerk, als einen Flitterstaat an; man erkennt das Mächtige, Große, Schützende und Erhaltende des Königthums an, und so.