Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 4 (April 1897)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1897-04-01
- Page
- 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316629-2320277--02370-2320372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
200 Im deutschen Reich. anweisen? Was haben diejenigen, welche dieses Traumgebilde der Nationalität seit vielen Jahren von sich wiesen, denn für ein Mittel, zum deutschen Volksthum überzugehen, als das, daß sie zum Christenthum übergehen? Auf diesem Wege gelangen Sie glücklich dazu, Volksthum und Religion mit einem Schlage zur Lüge zu machen. Wenn man so gern einen Unterschied macht zwischen den Gebildeten und Mindergebildeten unter den Juden, von dem es sich noch fragt, ob er nicht in gleicher Weise unter anderen Klaffen sich finde, so will ich Sie daran erinnern, daß, als man früher in Preußen aus Liebhaberei den Juden gewiffe nationale Vorrechte geben wollte, die gesammte jüdische Bevölkerung ohne Unterschied dieselben abgelehnt hat. Es sollte ihnen namentlich die Exemtion vom Kriegsdienste durch eine Majestäts-Grille gewährt werden, und sie haben sie einstimmig zurückgewiesen. Ich kann zugeben, daß die Juden in der bisherigen Unterdrückung das Höckste, den vaterländischen Geist, noch nicht erreicht haben. Aber auch Deutschland hat es noch nicht erreicht. Die Juden werden immer begeistertere und patriotischere Anhänger Deutschlands unter einem gerechten Gesetze werden. Sie werden mit und unter den Deutschen Deutsche werden."^) Diese klare, von Geist und Herz beseelte Rede Rieffer's hatte den Doppelerfolg: Sein Lebensziel, die Gleichstellung seiner Glaubensgenossen, wurde erreicht, er selbst in dem an bedeutenden Männern reichen Parlament als eine hervorragende Kraft anerkannt. Aber er drängte sich nicht vor. Am 24. September 1848 schrieb er: „Daß ich im Allgemeinen die Gelegenheiten, zu reden und von mir reden zu machen, nicht eben eifrig gesucht habe, isi ganz richtig; ich überlasse Jedem, der den Gang der Verhandlungen kennt, das Urtheil darüber, ob jene Unterlassung eine so gar tadelnswerthe ist."'') Am 7. September wurde Rieffer in den Verfaffungsausschuß, am 2. Oktober mit 225 von 368 Stimmen zum zweiten Vizepräsidenten gewählt, neben Simson, dem nachmaligen Reichsgerichtspräsidenten, als erstem. Die Frankfurter Septemberstürme, die Ermordung Auerswald's und Lichnowsky's veranlaßten das Reichsministerium zu einem Gesetzentwurf zum Schutze der Reichs- 4) Riesser'S Ges. Schriften. Band IV, S. 403sf. T‘) Niesser's Ges. Schriften. Band I, S. 435.