Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 4 (April 1897)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1897-04-01
- Page
- 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 )m deutschen Reich. gleichartigen Edlen, als des ihn abstoßenden Schlechten und Gemeinen, und er weiß mit wunderbarer Kunst für jenes die lebendigste Sympathie, für dieses die tiefste Entrüstung in den Herzen feiner Hörer zu entzünden. Ueberhaupt ist das vorherrschende Element in Messers Charakter das Gefühl. Freilich kein blindes Gefühl, das der Leitung des Verstandes entbehrt, vielmehr ein von der vollendetsten Durchbildung aller geistigen Kräfte getragenes, von dem durchdringendsten Scharfsinn verklärtes, aber doch immer mit vorwiegend gemüthlichem Elemente. Wenn man sonst den Israeliten, und nicht ohne Grund, vorwirft, daß sie in der Politik wie in der Wissenschaft vorzugsweise eine kalte, zersetzende Verstandesthätigkeit entwickeln, so hat Messer hierin den Charakter seiner Nation auf's Glänzendste verleugnet. Sein ganzes Wesen athmet Milde, Versöhnlichkeit, Begeisterung für ein großes und erhabenes Ziel des Schaffens, für nationale Einheit und Macht, für eine auf den festen Säulen der Freiheit und Gesetzlichkeit beruhende Staatsordnung. Das Schlechte, Gemeine, die leichtfertige böswillige Sucht des Zerstörens findet an ihm einen unerbittlichen Feind und vermag ihn in wahrhaft heiligen Zorn zu versetzen. Nichts hält ihn dann zurück, die Blitze seiner strafenden Beredsamkeit gegen die Schuldigen zu schleudern und sein empörtes Gefühl in Worten der Entrüstung zu entladen. Und so sehr konnte dergleichen ihn außer sich bringen, daß der sonst sanfte und gemessene Mann zu heftigen und sogar unparlamentarischen Aeußerungen sich fortreißen ließ. Deshalb war der Vorsitz, den er eine Zeit lang als Vizepräsident führen mußte, für ihn dornenvoll und für die Versammlung wenig ersprießlich. Wie alle Menschen mit vorwaltendem Gefühl war Niesser nicht selten Schwankungen und Unsicherheiten in seinen politischen Entschließungen ausgesetzt. Nicht immer vermochte er, was sein Gefühl ihm als das Richtigere und Wünschenswerthere darstellte. Dem unterzuordnen, was sein Verstand als das thatsächlich allein Mögliche anerkennen mußte. So in der österreichischen Frage, wo er lange sich von der Hoffnung auf eine Gewinnung Deutsch-Oesterreichs nicht trennen konnte, und deshalb von dem Erbkaiser nicht« wissen wollte, für den er doch nachher so überzeugend sprach. Aus Rechtsgefühl war er Demokrat, insofern es diesem Gefühl widersprach, die Ansprüche Aller auf gleiche Theilnahme am Staat schlechthin durch die kalten Er-