Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 3 (März 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-03-01
- Page
- 156 (sequence 2)
- Language
- German
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356 Im deutschen Reich. Anhänger finden konnte, das ist sicher nicht dazu angethan, Heiterkeit zu erwecken! Wenn fich der Abgeordnete für Arnswalde erdreistete, in der Reichstagssitzung vom 18. Februar vom „jüdischen Ungeziefer im deutschen Reiche" zu sprechen, und als ihm der Präsident Freiherr von Buol auf Veranlassung des Abgeordneten Richter einen Ordnungsruf ertheilte, in einer persönlichen Bemerkung die Beschimpfung noch zu verschärfen, so ist das eben ein Gebühren, wie man es von dem Erfinder der „Judenflinten" nicht anders erwarten konnte. Weit schlimmer ist es, daß nachträglich antisemitische Blätter sich über den Abgeordneten Richter aufhielten, weil er Ahlwardt's Aeußerung als die Beleidigung eines Theils des deutschen Volkes bezeichnet hatte. Das sind die deutschen Juden trotz aller antisemitischen Ableugnungen; sie sind es durch Geburt, Bildung und Sprache; sie sind es nach dem klaren Wortlaut der Verfassung, sie find und werden es bleiben als Mitkämpfer für Deutschlands Einheit und Größe und als Mitarbeiter auf fast allen Kulturgebieten! Die mit den Tivoli-Konservativen und dem Bunde der Landwirthe liebäugelnden gemäßigten Antisemiten wissen recht gut, wie sehr ihnen das wüste Treiben von Männern wie Ahlwardt, Sedlatzek u. A. m. schaden kann. Ueber die Versammlung in der Berliner Tonhalle schrieb deshalb die antisemitische „Staatsbürger- Ztg.", „daß diese Versammlung dem Ernst und der Bedeutung der Bewegung wenig entsprochen habe"; die antisemitische „Deutsche Wacht", „eine solche Komödie ist eben auch nur in Berlin möglich" u. s. w. Inzwischen hat es sich ergeben, wie ungeschickt ersonnen alle die Fabeln waren, welche der „Rektor aller Deutschen" in seiner dreistündigen Rede in der Tonhalle vorbrachte. Wie es mit seiner angeblichen Begründung des Antisemitismus in Amerika in Wirklichkeit bestellt ist, geht aus folgender Notiz der in Cincinnati erscheinenden jüdischen Zeitschrift „Deborah" hervor: „Wenn jetzt von Deutschland hierher berichtet wird, Ahlwardt habe gesagt, er sei mit seinen Leistungen in Amerika zufrieden, er habe nicht nur eine antisemitische Zeitung, die viele tausend Leser hat, sondern auch dreißig antisemitische Vereine gegründet, haben wir keinen Grund, es zu glauben, da weder eine solche Zeitung noch solche Vereine in New-?)ork und Umgebung bekannt geworden sind. Es giebt zwar in New-Uork unter den Deutschen auch Krummköpfe genug, irgend eine Tollheit zu unterstützen, für Antisemitismus ist aber so gar kein Boden dort, weder in der Politik noch in der Geschäftswelt, daß nur die verbohrtesten Narren ihre Zeit und ihr Geld einer solchen Gaukelei widmen könnten. Hat irgend ein Zeitungsmensch in Berlin diese