Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 3 (März 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-03-01
- Page
- 155 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316628-2320105--02256-2320213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
255 Umschau. f ie gewiß nicht anziehende Persönlichkeit des Reichstagsabgeordneten Ahlwardt, welche Mitte Februar wieder auf der Bildfläche erschien, ist typisch für die antisemitische Bewegung in Deutschland, welche durch Aufstachelung der schlimmsten Leidenschaften weite Kreise so sehr verblendete, daß diese selbst einem Satyr zu huldigen im Stande gewesen wären. Das Wiedererscheinen des burlesken „Rektors aller Deutschen" in der deutschen Reichshauptstadt und im deutschen Reichstage ist denen, welche mit mehr oder minder Erfolg bemüht waren, den Antisemitismus in den gebildeten Kreisen auszubreiten, höchst unwillkommen, denn das sansculotte, satyrhafte antisemitische Genre wirkt auf alle feiner besaiteten Naturen entschieden abstoßend. Dem deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ist der Vertreter dieses Genres nur insoweit interessant, als sich in ihm das gegnerische Element völlig unverhüllt darstellt, nicht in Frack und Glaces, nicht mit geheuchelt-patriotischen Phrasen der süßlich-frommen Scheinheiligkeit, sondern ohne Larve, ungeschminkt und eine Sprache führend, welche ebenso rücksichtslos ist wie die Sache, der sie dienen soll. Beleidigungen aus solchem Munde schmerzen nicht; Drohungen eines solchen Mannes schrecken nicht, trotzdem sind wir weit davon entfernt, diese merkwürdige Erscheinung lächerlich zu finden oder lächerlich machen zu wollen. Daß ein Ahlwardt einst in Deutschland bejubelt worden, daß er einen Platz in der deutschen Volksvertretung erringen konnte und möglicher Weise sogar behaupten wird, das ist eine Erscheinung im deutschen Volksleben, die jedem, ob Christ oder Jude, der sein deutsches Vaterland hoch hält, wahrlich nicht lächerlich Vorkommen kann, sondern ihn eher traurig stimmen muß. Es ist dabei ein ungenügender Trost, daß immerhin diejenige Stimmung in Berlin nicht mehr obwaltet wie zu jener Zeit, da der Reichstagsabgeordnete für Arnswalde von begeisterten Anhängern von Plötzensee nach den Germania-Festsälen getragen wurde, aber daß er es nach seinem Fiasko in Amerika noch wagen durste, wieder im deutschen Reichstage zu erscheinen und daselbst die Schimpfereien zu erneuern, daß er dann vor mehr als tausend Zuhörern in der Tonhalle in Berlin eine dreistündige Hetzrede loszulafien wagte und daß er bald darauf bei einer in Begleitrmg des bekannten Carl Sedlatzek übernommenen Reise durch seinen von ihm so lange vernachlässigten Wahlkreis wieder