Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1897)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1897-02-01
- Page
- 77 (sequence 4)
- Language
- German
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Gabriel Rieffer. 77 geschirmt zu sei«. Ihr müßt sehen, wie jenes System für jeden religiösen Gedanken eine That hat, die ihn, festhält, für jede Thal einen Gedanken, der sie erhebt, für jeden Genuß einen Segen, für jede Freude ein Gebet, für jeden Schmerz einen Trost, einen Dank selbst; ihr müßt den Vater sehen, der bei der Leiche des Sohnes den Schmerz überwindet und mit festem Muthe den gerechten Richter segnet und ihr werdet jene. kenntmßlose Kritik nicht minder albern als herzlos finden. — Wem bei jenen schwach entworfenen Zügen auch nur ein verehrtes, erhabenes, heiliges Bild, wie dem Verfasser dieser Zeilen, vor Augen schwebt, der wird seine Entrüstung über jene engherzige, stumpfsinnige Auffaflung des äußerm Lebens einer Religion theilen. Er wird darum freilich nicht minder das Aeußere von dem Innern, das Vergängliche von dem Unvergänglichen zu trennen wißen; er wird Formen, die nur in freier, leichter, ununterbrochener Gewährung Werth haben, nicht gewaltsam festgehalten wisien wollen, wo sie sich auflösen; er wird es der Seele der Religion zutrauen, daß sie an der Stelle des Gewandes, das die Zeit ihr vielleicht zerstört, nachdem es sie Jahrhunderte hindurch umhüllt, sich ein noch dauerhafteres, geistigeres und darum keiner Zerstörung durch die Zeit ausgesetztes zu schaffen im Stande sein würde. Aber er wird selbst für die Formen, die er im Untergang begriffen glaubt, Ehrerbietung empfinden; er wird, voll von Verehrung für die unsterbliche Seele der Religion auch ihrer irdischen Hülle fromm die letzte Ehre erweisen und sie nicht feindseligem Hohne ungerecht preisgeben. Er wird fühlen, daß wir erst dann uns über jene Formen erhaben dünken können, wenn es außer allen Zweifel gesetzt ist, daß die ihnen entzogene Verehrung nicht dazu gedient hat, die große Summe des menschlichen Egoismus zu vermehren, sondern daß sie einer reinerenweniger an Formen haftenden, aber nicht minder innigen, nicht minder lebendigen, nicht minder alle Gedanken und Empfindungen durchdringenden und läuternden Religiosität Platz gemacht hat".*) In diesen klassischen Sätzen — einem vor zwei Menschenaltern, zu Lebzeiten unserer Großeltern, abgelegten, heute noch muster- *) Gabriel Riesser's Gesammelte Schriften von Dr. M. Jsler. Frankfurt a. M. 1667. Bd. II, S. 266.