Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-01-01
- Page
- 41 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316626-2319734--01986-2319849- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau. 41 Echo", über den „Juden als verantwortliche Person für den Hafenarbeiterstreik". Ueber den betreffenden Artikel, dessen Spitze sich gegen Direktor Ballin von der „Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Aktien- Gesellschaft", „dem auch der Orient nicht fremd sei", richtete, schrieb die antisemitische „Hann. Post" ironisch: „Das klingt ja ganz verfl— antisemitisch, da müssen wir denn doch lieber dem „Echo" die Verantwortlichkeit überlassen... wie kann man nur so hetzen!" Darauf mußte man gefaßt sein, daß der Grimm der Agrarier über den Widerstand der Kaufmannschaft gegen die Börsenordnungen zu antisemitischen Ausbrüchen führen würde, weil von den agrarischen Organen dazu jeder Anlaß benutzt zu werden pflegt. Das „Hamburger Fremdenblatt" wundert sich trotzdem darüber und schreibt: „Die antisemitische Hetze ist diesmal um so sonderbarer, als der Stadtrath Kämpf und der Kommerzienrath Schütt, denen von der Berliner Börse wegen ihres Widerstandes gegen „Agrarierthum und Reaktion" stürmische Hochs ausgebracht wurden, ebenso wie an der Stettiner Börse der Obervorsteher Kommerzienrath Haker, der ein kräftiges Wort gegen die „Eindringlinge" sprach, der Vorsitzende der Fachkommission, Kaufmann Reimerer, der in verächtlicher Weise von dem Vorgehen jener Leute redete, und der Kommerzienrath Otto Kühnemann, der dieselben als verhätschelte hochadelige Agrarier bezeichnete, evangelische C h r i st e n sind. Die in diesen Kümpfen wider den Börsenhandel voranstehenden Grafen Klinkowström, Udo Stolberg, Mirbach, Arnim und Schwerin, ebenso der Graf Kanitz und v. Plötz thäten wohl daran, in Luthers Tischreden nachzulesen, worin vor 360 Jahren, als man in den Städten meist auf den kornbauenden Adel angewiesen war, wenn „das arme Volk nicht Hungers sterben sollte", über den Getreidewucher des Adels geklagt wurde. Luther hat sich darüber öfter zornig in derben Worten ausgesprochen." — Die Regierung zu Bromberg hat einem ihr untergeordneten Beamten die Zugehörigkeit zu dem antisemitischen Bauernbund der Provinz Posen untersagt, welcher die sozialen Verhältnisse störe und Unzufriedenheit Hervorrufe. Thatsächlich ist der Antisemitismus eine fogiate Gefahr, gleichviel w o und w i e er auftritt; das ist eine Wahrheit, der sich weite Kreise glücklicher Weise nicht mehr verschließen. Die Frivolität, mit welcher die antisemitische Presse gegen Jeden vorgegangen ist, der ihr wüstes Treiben nicht förderte, hat bereits unleidliche Verhältnisse geschaffen, welche nicht nur den Juden als unerträglich erscheinen mußten. Der durch lange Straflosigkeit gesteigerte Uebermuth der antisemitischen'Presse dürfte durch die mehrfach erwähnten Prozesse