Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1897-01-01 · Heft 1 (Januar 1897) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 1 (Januar 1897)
Article
Der Glaube Israels
Date
1897-01-01
Page
14 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2316602-2316624-2316626-2319730--01955-2319822
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14 Im deutschen Reich. Ihre Empfindungen, ihre Gedanken, ihre Freuden, ihre Schmerzen, ihr Dichten und Trachten find getragen und finden Ausdruck in dem Absoluten, in der Gottheit, die sie beseelt. Die Verkündigung vom Sinai, die intuitive Anschauung und Wahrnehmung eines ganzen Volkes gleicht, wie ich bereits anführte, dem Wunder nicht, das die Geschichte dieser einzigen Nation dem denkenden Geiste bietet. Es ist ganz und gar unmöglich, sich der Ueberzeugung zu verschließen, daß vom Anfang seiner Existenz bis heute eine höhere Macht bestimmend in sein Geschick eingriff. Der skeptische Geist mag Alles leugnen, mag jede philosophische Anschauung bezweifeln, mag die Möglichkeit irgend einer Erkenntniß und noch mehr die Erforschung metaphysischer Wahrheiten bezweifeln, aber es kann nicht bestritten noch bezweifelt werden, daß die Lehre, die uns gegeben wurde, die sittliche, religiöse Entwickelung der ganzen Menschheit bestimmt hat. Daß wir, die direkten Nachkommen jener Männer, denen die Lehre verkündet wurde, heute an dieselbe mit derselben Innigkeit, mit derselben Hingebung hängen, wie es seit dreitausend Jahren unsere Väter gethan haben. Daß die größten Reiche während dieser Zeit gegründet worden sind, ihre Blüthe gehabt haben und untergegangen sind, aber Israel existirt. Götter und Glaubensbekenntnisse sind im Laufe der Zeiten aufgetreten und verschwunden, aber in der zivilisirten Welt lebt heute nur der Einzige Israels. Auf den Höhen Zions steht nicht mehr der Tempel, in dem die Heiligkeit des Ewigen thronte, aber es giebt wohl kaum eine Stadt, in der nicht ein Haus dem Gotte, der sich vom Sinai verkündete, geweiht ist. Erfüllt hat sich, was die Propheten verkündeten, zerstreut sind die Kinder Israel in die vier Enden der Welt, sie haben unendlich viel gelitten und geduldet. Aber je mehr unsere Bedrängnisse steigen, je mehr die unseeligen Zustände, die am Ende des zweiten Jahrtausends nach Christi Geburt auf der Welt herrschen, überhand nehmen, je mehr die pessimistische Anschauung dieses Jahrhunderts die Gemüther der Menschen ergreift, je inniger haben wir festzuhalten an dem Glauben und den Prinzipien einer Lehre, die den Rettungsanker der Menschheit bildet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.