Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1897)
- Article
- Der Glaube Israels
- Date
- 1897-01-01
- Page
- 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 3m deutschen Reich. Ich rede hier nicht von Postulaten, sondern von konkreten Sachen. Es ist für unseren Verstand unbegreifbar und doch eine Thatsache, daß aus der Mitte eines Volkes von Sklaven und Knechten eine Lehre entsprang, deren innere Wahrheit, derm tiefer Zusammenhang, derm glühendes Gefühl von Liebe, Mitleid und Erbarmen noch heute nicht erfaßt, begriffen und empfundm werden. Ein ganzes Volk ist Zeuge der Offenbarung, erhält sich durch ihre Gesetze. Verachtet, verfolgt, wie es in der Zerstreuung war, prägt es seinen Willen und seine Lehre den widerstrebenden Nationen der Welt ein. Das Absolute, nach dem alle Denker vergebens gesucht, findet Ausdruck in seiner Lehre, und das Buch, das sie zusammenfaßt, ist zum Erziehungsbuch der Menschheit geworden. Nicht nur hat Israel zu allen Zeiten die weitaus größte Zahl der Märtyrer gestellt,. das ganze Volk ist der Zeuge, das ewige Opfer seiner Ueberzeugung. Nicht weniger gewaltig als die innere Wahrheit, als die Umstände, die ihre Verkündigung begleiten, als die ungeheure Wirkung, die sie im Laufe der Jahrtausende über sämmtliche zivilisirte und halbzivilisirte Völker der Welt ausübt, ist die Geschichte des Stammes Israel selbst. Keine andere Nation hat auch nur im Entferntesten denselben Heroismus, dieselbe Todesverachtung gezeigt, wie die unsere. Wir Alle waren wohl in unserer Jugend von hoher Begeisterung fortgeriffen, wenn wir von den großen Thaten der Hellenen vernommen haben. Der Stein, auf dem es verkündet war, daß dreihundert Spartaner, treu den Gesetzen des Landes gestorben, ist von Geschlecht zu Geschlecht Gegenstand höchster Verehrung, das ewige Monument griechischen Muthes und griechischer Pflichterfüllung gewesen. Aber kein Stein verkündet, und kaum lebt es in der Erinnerung, daß aus der Felsenburg von Masada tausend jüdische Männer mit ihren Frauen und Kindern es vorzogen, sich zu tödten, als sich der Gnade der Römer anheimzugeben.