Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1897)
- Article
- Der Glaube Israels
- Date
- 1897-01-01
- Page
- 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Der Glaube Israels. 9 Es existirt int ewigen Wandel der Erfcheinungm, im ewigen Werden ein Wesen, ein Gott, der nie entstand und nie vergeht. Nicht starr außerhalb der Erscheinung stehend, wie die Platonische Idee oder das Eleatische Sein, ist dieser Gott, in der Erscheinung lebend, ein persönlicher Gott, dein Gott. Zeitlos, ewig. Und zeitlos, ewig sind wir. Durchweht vom Hauche der Wirklichkeit, lebt in unserer ewig wandelnden Form die ewig verharrende Gottheit. Ihr Wesen ist Freiheit. Die erste That, das große Prinzip, das verkündet wurde, ist die Freiheit. „Aus Egypten habe Ich Euch erlöst, aus dem Hause der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Herren haben neben mir." Wir haben keine Priester, keinen Vermittler außer Gott. Gott, Unsterblichkeit und Freiheit, diese Ideen, die der große Königsberger Philosoph drei Jahrtausende später als die Postulats der praktischen Vernunft hingestellt, die zu ersaßen die Grundbegriffe des menschlichen ErkenntnißvermögenS nicht ausreichen, werden dem Cklavenvolk verkündet und stellen dasselbe für alle Zeiten in die Vorderreihe der Nationen. Es wird behauptet, daß der große Gesetzgeber Israels seine Weisheit den Priestern Egyptens verdankte. Tausend Jahre nach der Botschaft vom Sinai lehrte der gefeiertste Denker Griechenlands, der gleichfalls im Lande der Pharaonen jahrelang geweilt und ihre Lehren sich zu eigen gemacht, in seinem Staatsideal die Einführung der Weibergemeinschaft, die Auflösung der Familie, die Aufhebung der Freiheit, des Einzelnen und der Selbstbestimmung. Die naturgemäße Folge der menschlichen Freiheit ist die moralische Verantwortlichkeit — an ihrer Seite gehen in der Verkündigung das Mitleid und die Liebe. Von den Höhen des Olympos, so geht die Sage, entwandte dem höchsten der Götter Prometheus das verzehrende Feuer und brachte es im hohlen Stabe der leidenden Menschheit. Am Felsen gekettet, zerfleischte ein Adler ihm täglich die Leber und sie wuchs in der Nacht, daß am Tage neu die Qual ihn verzehre. Und am Ende der Tage erlegten des Herakles