Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1897)
- Article
- Der Glaube Israels
- Date
- 1897-01-01
- Page
- 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 3m deutschen Reich. Und wenn es auch die Quelle vergaß, aus der es schöpfte und die Mutter, die es großgezogen, oft verkennt, so sollen wir trotz Allem, was wir erduldet, nicht im engherzigen Egoismus oder Neid da» große Werk betrachten, da» es vollendet, sondern uns freuen und nicht vergessen, daß aus jeder Kirche, deren Spitze zum Himmel weiset, aus jedem Worte der Liebe, das in ihrem Innern tönt, der Geist des Gottes spricht, der sich durch Israel der Welt verkündet. Und doch, trotzdem und alledem sind w i r heute noch die eigentlichen Behüter des Wortes Gottes. Wir kommen aus unserer Religion nicht heraus, ohne entweder jeden Glauben aufzugeben oder uns zu einer Religion zu bekennen, deren Dogmen unserem Verstände wenigstens absolut unannehmbar sind und deren Grundsätze mit den Thaten ihrer Bekenner so oft im krassesten Widerspruch gestanden haben. Die Worte, die vom Sinai tönten, sie tragen den Stempel der Wahrheit in so unverkennbarer Weise, sie bringen das Wesen der Gottheit, die Bestimmung der Menschheit in so prägnanter Weise zum Ausdruck, daß ihr Echo widerhallen wird, so lange die Schwingungen der Luft die Harmonien des Weltalls von Stern zu Stern, von Sonne zu Sonne tragen. Die Welt im tiefsten Sensualismus und Fetischdienst versunken, wird mit einem Male transzendent. Am Fuße des Berges knieen die Myriaden Israels, entflohene Sklaven aus Egypten. Die Elemente sind im Aufruhr, durch den verdunkelten Tag zucken die Blitze, hallet der Donner und die Stimme des Schofars ertönt. Losgerissen von allen irdischen Banden, erbebend in allen Sinnen, ihr Nichts, ihre Vergänglichkeit in jedem Pulsschlag fühlend, vernimmt das Volk in diesem gewaltigsten Momente der Weltgeschichte, plötzlich und mit elementarer Gewalt die Offenbarung: „Ich bin der Ewige dein Gott." Das Prinzip, nach dem alle Philosophien vergeblich gestrebt, die Wahrheit, die Wirklichkeit, nach der alle Erkenntniß vergebeus gesucht, sie durchziehen mit diesen Worten das Volk, das sich der Ewige erwählt.