Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-12-01
- Page
- 623 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 623 Weihnachtszeit von den antisemitischen Blättern erlassenen Aufrufe werden ebenso wenig wie die von dem antisemitischen Reichstagsabgeordneten vr. Paul Förster iy Berlin, Dresden und anderen Orten gehaltenen Reden „an die deutsche Frau" die letztere dazu veranlaßt haben, überall nach Abstammung und Bekenntniß des Verkäufers zu fragen, statt einfach ihre Einkäufe dort zu besorgen, wo in reicher Auswahl gediegene Waare zu entsprechendem Preise zu finden ist. Bei seinem Besuche der Weihnachts-Ausstellung im österreichischen Museum in Wien besichtigte der Erzherzog Rainer am 26. November die Fabrikate der Bronzewaaren-Fabrik von Hollenbach. Ms dabei von einem Herrn seiner Begleitung die Bemerkung gemacht wurde, daß theure Kunstobjekte von Jahr zu Jahr schwerer verkäuflich würden, soll nach einer Mittheilung der N. Fr. Presse der Erzherzog erwidert haben: „Ja, ja, besonders jetzt, wo der Antisemitismus so besteht, ziehen sich die reichen Leute immer mehr zurü cf." Wie die „Bohemia" versichert, hat der Erzherzog bei dem Besuche der Ausstellung über die Schädigung des österreichischen Kunstgewerbes durch die politischen und sozialen Kämpfe wiederholt sein Bedauern ausgesprochen. Uebrigens soll Erzherzog Rainer an anderer Stelle den Ausspruch gethan haben: „Ja, ja, dieses seltsame Gemisch einer Partei, welche sich christlichsozial nennt, aber weder christlich noch sozial ist." Von der Beruhigung der Gemüther, welche das Ministerium Badeni von der Genehmigung der Wahl des Vicebürgermeisters Lueger im Wiener Gemeinderathe erhoffte, ist bis jetzt wenig zu spüren, trotzdem die liberale Minderheit sich äußerst zahm verhält. Dieselbe blieb der am 27. November abgehaltenen Gemeinderaths-Sitzung vollständig fern, weil sie im Voraus wußte, daß es in derselben aus Anlaß der Subventionirung des katholischen Schulvereins zu einem häuslichen Streit zwischen den deutsch-nationalen und christlich-sozialen Antisemiten kommen würde. Als die ersteren die Vorlage energisch bekämpften, stürmten die Anhänger Luegers mit geballten Fäusten auf ihre früheren Parteifreunde los, und die Galerie nahm an dem minutenlangen Skandal lebhast Theil. — Welche Zustände jetzt in Wien herrschen, zeigt folgender Bericht eines römisch-katholischen Studenten aus Konstantinopel, der seit einiger Zeit die Wiener Universität besucht und bei einem Abendspaziergang mit einem Freunde durch die Rothenturmstraße von drei halbwüchsigen Burschen umdrüngt wurde: „Plötzlich packte mich der Eine am Bart und sagte: „Bist ein schönes Jüderl!" Die Kumpane des Strolches überhäuften uns mit