Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-12-01
- Page
- 624 (sequence 9)
- Language
- German
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624 Im deutschen Reich. antisemitischen Schimpsworten. In meiner Heimath hätte ich den stechen Burschen zu Boden geschlagen. Hier aber, wo mir die herrschende beklagenswerthe Strömung Reserve auferlegte, faßte ich meinen Angreifer am Arme und ließ ihn trotz der drohenden Haltung seiner Freunde und des angesammelten johlenden Pöbels nicht früher los, als bis mein Freund einen Wachmann requirirt hatte. Ich bin, wahrscheinlich wegen meines Bartes, wiederholt als Jude beschimpft worden, worüber ich mich stets mit Verachtung hinwegsetzte. Mein Freund aber ist über unser heutiges Abenteuer derart entrüstet, daß er sobald als möglich das gastliche Wien verlassen will." Bei dem christlich-sozialen Kongreß in Lyon, dessen Beschlüsse darin gipfelten, daß das Gesetz von 1791, welches den Juden französische Staatsbürgerrechte verlieh, wieder aufzuheben sei, verursachte am 26. November die Beschlagnahme einer Fahne mit einer antisemitischen Inschrift einen Zusammenstoß zwischen den Organen der Polizei und den Antisemiten. Dabei sind mehrere Verwundungen vorgekommen und Verhaftungen vorgenommen worden. Die Münch. Allg. Ztg. hat wiederholt darauf hingewiesen, daß in Frankreich die antisemitische Bewegung mit der a n t i p r o t e st a n t i s ch e n eng verknüpft ist. Ter Pariser Korrespondent des genannten Blattes schreibt: „W i e eng Chauvinismus und Antisemitismus zusam menhängen, wie leicht es gewissen patriotischen Schreiern wird, die Antipathien gegen das „internationale Judenthun:" zu ihren Zwecken auszubeuten, hat der jetzt wieder so lebhaft erörterte Fall Dreyfus außer Zweifel gestellt, und wie ganz dieselben Anschuldigungen und Vorwürfe, mit denen man die jüdische Minderheit bekämpft, gewissenlosen Agitatoren zur Diskreditirung der kleinen protestantischen Gemeinschaft dienen müssen, zeigt das hetzerische Treiben des ehemaligen Boulangistenhäuptlings Georges Thwbaud, der soeben eine Rundreise durch die Provinz angetreten hat, um durch Vorträge über „die französisch-russische Allianz und die protestantische Frage" nicht nur einen: Nachlassen der Nevanchebestrebungen entgegenzuarbeiten, sondern auch die französischen Protestanten als schlechte Patrioten und den Protestantismus als eine Gefahr für Frankreichs gesammte Entwicklung hinzustellen." Diese Hetzerei ist ein neuer Beweis für die Behauptung, daß der Antisemitismus, dessen Parteigänger so oft gegen eine „goldene Internationale" eifern, thatsächlich selbst international ist und zwar eine internationale Gefahr für die Kultur und den Frieden! A. L.