Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-12-01
- Page
- 622 (sequence 7)
- Language
- German
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622 3m deutschen Reich. Wie sehr Freiherr von Manteuffel zu dem Hinweis berechtigt war, daß die Reformpariei ihre Mandatjagd vorzugsweise in denjenigen Wahlkreisen betreibe, wo es wenige oder gar keine Juden giebt, beweist ihre jetzige stürmische Agitation in Schleswig- H o l st e i n , wo Graf Reventlow die antisemitische Bewegung in einer Weise leitet, die wir bereits früher genügend gekennzeichnet haben. Daß zu seinen eifrigen Mitarbeitern der Oberpostassistent Musselack-Heide gehört, welcher am 22. November eine antisemitische Versammlung in Meldorf i. Holstein leitete, ist immerhin bemerkenswerth. Da es in Meldorf keinen einzigen Juden, in ganz Schleswig-Holstein aber auch nur sünf Städte giebt, in welchen mehr als 100 Juden wohnen, ist dort der Antisemitismus lediglich der Ausdruck der Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen und die Vorfrucht der Sozialdemokratie. Im Aufträge des „Schutzverbandes gegen agrarische Angriffe" ist der frühere Abgeordnete Alexander Meyer in Kiel mit Erfolg den Agrariern entgegengetreten, welche dabei im Trüben fischen. Der Reichstagsabgeordnete Rektor Kopsch aus Berlin bezeichnete in einer vor Kurzem zu Flensburg abgehaltenen Versammlung die antisemitische Partei als die trübseligste von allen, ihre Agitation als ein Geschäft im Umherziehen. Die Antisemiten seien wie die Wunderdoktoren, die früher von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zogen, um ihre Pillen anzupreisen. Erfolge könnten sie nur erzielen, so lange Agrarier und Konservative die Hand über sie halten. — Dieser Protektion werden sie sich aber nur noch ganz vereinzelt erfreuen und früher oder später wird auch der Mittelstand erkennen, daß die ihm von den antisemitischen Führern gemachten Verheißungen unerfüllbar sind. Wo alle Klassen der Bevölkerung im Frieden mit einander leben, hat auch das Handwerk heute noch einen goldenen Boden. Diesen verliert es aber, wenn sich der Gewerbetreibende von der fleißigen Arbeit ablenken, sein Gemüth durch Hetzreden verbittern, seine Ersparnisse für eine wüste Agitation ablocken läßt, statt rastlos an der Vervollkommnung seiner Leistungen zu arbeiten und sich alle technischen Errungenschaften anzueignen, welche den Kleinbetrieb konkurrenzfähig erhalten! Daß die antisemitische Partei mit der Verbreitung der Losung: „Kauft nicht bei Juden!" dem kleinen Gewerbetreibenden bisher irgend einen nennenswerthen materiellen Vortheil gebracht hat, wird Niemand ernstlich glauben. Der mit dieser Losung getriebene unlautere Wettbewerb enthält zugleich eine Belästigung und Unterschätzung derUrtheilskraft des kaufenden Publikums. Die zum Zwecke der Boykottirung der jüdischen Geschäftsleute vor der