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Im deutschen Reich · 1896-12-01 · Heft 12 (Dezember 1896) · p. 610

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 12 (Dezember 1896)
Article
Zwei Dichter
Date
1896-12-01
Page
610 (sequence 2)
Language
German
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610 Im deutschen Reich. So hat auch Jehuda Halevi schon bei der Mitwelt, wenn auch nur in jüdischen Kreisen, Anerkennung gefunden. Was Beiden halb das Leben, hat ihnen ganz und voll die Nachwelt gegeben. Als in Deutschland die Liebe zum deutschen Alterthum erwachte, griff man auch auf die Minnesänger und ganz besonders (wie Uhland gethan) auf Walther zurück. Als der deutsche Jude der Gegenwart sich auf sein jüdisches Schriftthum besann, kam Jehuda Halevi zu seinem Rechte. Beide Sänger sind deshalb besonders geeignet, als Spiegelbilder des Deutschthums und des Judenthums einander gegenübergestellt zu werden, weil sie von fremden Einflüffen sich möglichst fern gehalten haben und weil sich in ihren Werken und ihrem Wirken eine geistige Verwandtschaft zeigt, die nicht allein auf den Geist der Zeit, in der sie lebten, zurückzuführen ist. Beide haben in ihren Jugendgedichten die Liebe und den Frühling besungen, wie die meisten ihrer Sangesgenossen. Was Beide von diesen letzteren unterscheidet, ist, daß sie mit den Schmerzen der Liebe nicht spielen, sondern daß ihnen das Liebesgedicht alsMittel dient, sich mit den Empfindungen unerhörterLiebe abzuftnden und sich darüber zu erheben. Wie der Anfang, so war auch das Ende ihres Dichterweges merkwürdiger Weise fast gleich. Die Wallfahrt Jehuda's nach Palästina hat ihr Gegenbild in der Theilnahme Walther's am Kreuzzuge Friedrich's II. Von zahllosen anderen Zionsliedern unterscheiden sich diejenigen der beiden Dichter wesentlich durch den Ausdruck erfüllter Sehnsucht. So jubelt Walther von der Vogelweide: „Nun zufrieden ich erst werde, da mein sündig Aug' das Land schauet und die heil'ge Erde, die stets rühmend wird genannt; nun erfüllt ist, was ich bat." Beide suchen im gelobten Lande die großen Erinnerungen an die Vorzeit wachzurufen und wollen unter dem Einflüsse derselben sich dort von ihren Mängeln reinigen. (S. Walther's Kreuzlied und Jehuda Halevi's Zionslieder an vielen Stellen.) Aus froher Jugendzeit haben sie Edles in’s. spätere Leben mitgenommen, den Sinn für Freundschaft und die Anerkennung fremder Vorzüge. Walther hat am babenbergischen Hofe in Wien singen und sagen gelernt, und Jehuda Halevi im Greife des Alfaßi zu Lucena seine Jünglingszeit verlebt. Hier wie dort konnte ein niederer Sinn und engherziger Neid nicht auf-

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