Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Vereinsnachrichten
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 587 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316611-2316622-2319429--01802-2319527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vereinsnachrichten. 587 dieser Aufforderung nicht Folge geleistet wurde. So sei die Frage noch nicht geklärt, über die Stimmung der Mehrheit der Vereinsmitglieder noch keine Gewißheit vorhanden und die Gefahr nicht beseitigt, durch den vorzeitigen Versuch einer Lösung die Eintracht des so viele Tausende umfassenden Vereins ernstlich zu gefährden. In einer Zeit, in welcher maßgebende Kreise den Gedanken des „christlichen Staates" so beharrlich vertreten, sei eine befriedigende Lösung ohnehin fast aussichtslos. Nicht Zaghaftigkeit halte den Vorstand zurück, an derselben seine Kraft zu versuchen, sondern der Wunsch, diese Kraft nicht fruchtlos zu vergeuden! — Herr Dr. Iacusiel drückte seine Ueberzeugung aus, daß es sich hier um etwas handle, was nicht zu den Aufgaben des Vereins gehöre, und daß die Juden keinen Grund hätten, das freiwillig aufzugeben, was viele christliche Mitbürger als einen Vorzug betrachten. Hier müsse der Grundsatz gelten: Quieta non movere! Im Verlaus der weiteren Diskussion, an der sich die Herren Wohlberg, Dr. Moses, S. Brock, Herm. Cohn, Dr. Jacusiel, Dir. Moritz, Boas und Dr. Horwitz betheiligten, verwahrte sich Herr Wohlberg dagegen, die Wirksamkeit der Rechtschutz-Kommission oder die Bedeutung des Rechtsschutzes zu unterschätzen. Herr Rechtsanwalt Dr. Horwitz sprach sich ebenso entschieden gegen die Theilnahme jüdischer Kinder an dem christlichen Religionsunterricht wie gegen die angeblich geplante Errichtung einer jüdischen höheren Mädchenschule im Westen Berlins aus. Die von dem Central-Vereins-Vorstand angestellten Ermittelungen hätten ergeben, daß das Bedürfnis; keineswegs ein dringendes sei. Wäre aber auch ein solches vorhanden, so müsse demselben auf andere Weise als durch die von den Antisemiten lebhaft gewünschte Einrichtung von „Judenschulen" abgeholfen werden. - Der Verein halte daran fest, daß die Juden auf keinem Gebiete eine Sonderstellung, keine Sonderrechte, sondern gleiche Rechte und gleiche Pflichten wie alle anderen Staatsbürger zu erstreben haben. Dieser Erklärung wurde lebhafter Beifall gezollt, und dann schloß der Vorsitzende, Herr Dr. Moses, die Versammlung. Den in Berlin seit längerer Zeit bestehenden fünf Gruppen hat sich am 18. November d. I. eine sechste hinzugesellt. An diesem Tage versammelte sich eine Anzahl der im 0. wohnenden Vereinsmitglieder im Restaurant „Herold", Brückenstraße 61). Den einleitenden Vortrag hielt Hr. Kaufmann Hermann Cohn, Wallnertheaterstraße 43, über „unser Wollen und Wirken", in dem er dieses in lichtvoller Weise darlegte, sowohl die bisherige Thätigkeit des Vereins als seine Ziele in großen Zügen schilderte und auf die Auf- 40"