Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 568 (sequence 10)
- Language
- German
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668 3m deutschen Reich. deutsch-nationale Antisemit Doetz erhielt. Seit die Bürger-Partei in Wien begonnen hat, die Schönerianer zurückzudrängen und sich mit dem Ministerium Badeni zu verständigen, hat sich dort die Lage der Liberalen wesentlich verschlechtert; dieselbe ist auch in gesellschaftlicher Beziehung fast unerträglich geworden. So sahen sich sämmtliche freisinnigen Ausschußmitglieder des Wiener Jubiläumstheatervereins durch antisemitische Hetzereien gezwungen, aus dem Ausschuß auszutreten. Mißhandlungen jüdischer Greise und Kinder gehören jetzt in Wien nicht mehr zu den seltenen Fällen. Am 23. Oktober wurde der im Wiener Beatrixbade bedienstete Hausknecht Joseph Jeschek verhaftet, der den 13 Jahr alten Mechanikerlehrling Emanuel Merlin erst mit beiden Händen und dann mit einem Seil gewürgt und dabei fortwährend gerufen hatte: „Jud', jetzt schrei: Hoch Lueger!" Die Wiener „N. Fr. Pr." berichtet über diese Rohheit: „Bemerkt sei noch, daß Merlin den Hausknecht nur vom Sehen aus kannte, daß er nie mit ihm gesprochen und auch keinen Anlaß geben konnte, eine Rachegefühl zu wecken. Nach Ansicht der Behörde handelt es sich hier lediglich um einen der brutalsten antisemitischen Gewaltakte, eine Folge der unaufhörlichen, die rohesten Instinkte wachrufenden Verhetzungen." Im Budgetausschuß des Neichsrath wies der Abg. Fux auf die Boykottirungen, Bedrohungen und Mißhandlungen deutscher, insbesondere jüdischer Bürger hin, denen gegenüber die Regierung vielfach die Hände in den Schooß g e l e g t h a t. Er betonte, daß Gras Badeni keine Antwort auf die Frage ertheilt habe, ob die Regierung gesonnen sei, die gesetzlich gewährlei st ete Gleichberechtigung aller Staatsbürger zu wahren und die praktische Bethätigung dieses Grundsatzes im Staatsleben zu sichern. Unzweifelhaft wird das Ministerium Badeni es noch einmal sehr bedauern, sich selbst in die Unmöglichkeit versetzt zu haben, auf diese berechtigte Frage eine befriedigende Antwort zu geben. Der „Rhein. Kurier" schreibt: „Der Antisemitismus hat es richtig fertig gebracht, daß die jüdischen Wähler, die in Böhmen, Mähren und Schlesien bis dahin zu den festesten Stützen des Deutschthums gegen das Czechenthum gehört hatten, vor die verzweifelte Frage gestellt worden sind, ob sie es sich länger gefallen lassen sollen, als Staatsbürger und deutschfühlende Oesterreicher beschimpft und gekränkt zu werden. Viele von ihnen haben bei den letzten Landtagswahlen ihre Macht in die Wagschale der Czechen geworfen und diesen damit zum Siege verholfen. Möglich, daß sie zum Deutschthum zurückkehren, wenn dieses aufhört, sich mit dem Klerikalismus in der Form