Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 567 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau, 567 Hierzu bemerkt die „Tägliche Rundschau": „Auch die Burschenschaften sind jetzt, wie schon früher die Korps und die Landsmannschaften zu dem Beschlüsse gelangt, den Beitritt von Juden sür unerwünscht zu erklären. Darauf hat es nun verschiedene Gegenerklärungen von „alten Herren" gegeben, z. B. aus Breslau und Gleiwitz, und neuerdings ist auch in Berlin auf Beranlassung des Bürgermeisters Kirschner eine Kundgebung gegen das „unduldsame Vorgehen" der aktiven' Burschenschaften geplant. Eine interessante Notiz zu dieser Frage finden wir noch aus Bayern. Es heißt darin: „Die Erlanger Burschenschaften haben längst schon keine Juden mehr gehabt, als die Korps noch sehr viele unter ihren Mitgliedern hatten. Wenn die alten Herren in Berlin und Gleiwitz damit nicht einverstanden sind, so mögen sie austreten." . Unter allen Umständen ist der in der - akademischen Jugend Deutschlands jetzt vorherrschende Geist ein solcher, daß man nicht ohne Besorgniß in die Zukunft blicken kann. Die „Fluth des Aberglaubens", vor welcher das katholische Kölnische Blatt mit vollem Rechte warnt, könnte noch vor Ablauf dieses Jahrhunderts weit ärgere Verwüstungen anrichten, wenn man sich durch einen zeitweiligen Stillstand oder stellenweisen Rückgang der anarchistisch - antisemitischen Bewegung zu einem trügerischen Sicherheitsgefühle verleiten ließe! Was Treitschke, Dühring u. A. m. gesäet haben, ist sür viele jugendliche Gemüther verhüngnißvoll geworden. Ein finsterer Geist hat auch schon lange in der ö st erreich i s ch e n Reichshauptstadt gewaltet, ohne daß die dortigen lebensfrohen Phäaken ahnten, welche unliebsamen Ueberraschungen ihnen bevorständen. Run sind die liberalen Wiener wie aus den Wolken gefallen, weil bei den Wahlen für den niederösterreichischen Landtag in der 30 Jahre lang durch den hervorragenden freisinnigen Professor S u e ß vertretenen Leopoldstadt der antisemitische Vizebürgermeister Dr. Lueger mit einem Mehr von 340 Stimmen siegte. Dieser Erfolg des außerdem noch in seinem alten Wahlbezirk Margarethen gewühlten Antisemiten-Führers wurde von den Antiliberalen mit stürmischem Jubel ausgenommen. Dieselben haben nun 15 von den 21 Landtags- Mandaten der Stadt Wien und überhaupt die Zweidrittel - Majorität im niederösterreichischen Landtag. Den Liberalen blieb nicht einmal die innere Stadt ganz, indem bei der Stichwahl nur drei Liberale und drei Kandidaten der neuen sozialpolitischen Partei gewählt wurden. In dem für überwiegend antisemitisch gehaltenen nieder-österreichischen Bezirk Zwettl-Waidhofen-Thaya drang der bisherige liberale Abgeordnete Dr. Kopp mit 479 gegen 278 Stimmen durch, die der