Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 565 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316611-2316622-2319400--01724-2319505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 565 Dr. Osann es in Abrede stellte, daß er Gesinnungsgenossen aufgefordert habe, bei der Stichwahl in Gießen für den antisemitischen Kandidaten zu stimmen, scheinen die nationalliberalen Stimmen zumeist dem Postagenten Köhler zugefallen zu sein, da derselbe mit 9733 Stimmen wiedergewählt wurde. Die Bedeutung dieser Wahlergebnisse tritt jedenfalls weit zurück gegen die Bedeutung der Thatsache, daß sich in Mainz fünf Gymnasiallehrer für den antisemitischen Geometer und gegen den nationalliberalen Oberschulrath öffentlich erklärten, denn dies mahnt unwillkürlich an die unvergeßliche Aeußerung des Kaisers Friedrich: „Er vermöge es nicht zu fassen, wie Männer, die auf geistiger Höhe stehen, oder ihrem Berufe nach stehen sollen, sich zu Trägern und Hilfsmitteln einer in ihren Voraussetzungen und Zielen gleichmäßig verwerflichen Bewegung hergeben könnten. Was sein Gefühl am meisten verletze, sei die Hineinlegung dieser Tendenzen in die Schulen und die Hörsäle!" Was die antisemitische „Staatsbürger-Ztg." „den nationalen Geist in unserer akademischen Jugend" nennt, das ist leider die Frucht jener Saat, welche den Kaiser Friedrich zu der Aeußerung veranlaßte: „In die Pflanzstätten des Edlen und Guten ist dieses böse Samenkorn hingeworfen worden." Daß der Prorektor der Universität zu Jena, Dr. Linck, einen antisemitischen Anschlag des dortigen „Medizinischen Vereins" vom schwarzen Brett entfernen ließ und erklärte, ähnliche Kundgebungen nicht mehr zu dulden, erregte den Zorn des Berliner Antisemitenblattes derart, daß es 'erklärte, auf diese Weise werde sich der antijüdische Geist der deutschen Studentenschaft nicht bannen lassen. Schlimm genug, wenn sie damit Recht behalten sollte, wenn das in die Hörsäle hineingemorfene böse Samenkorn schon so gewuchert hätte, daß das Unkraut nicht mehr zu jäten wäre! Wenn aber die „Staatsbürger-Ztg." in dem Artikel über „den nationalen Geist in der akademischen Jugend" versichert, daß die Jenenser Korps auch solche Leute von der Aufnahme ausschließen, deren Vorfahren bis in's dritte Glied Juden gewesen sind, so ist dies thatsächlich unrichtig. Noch im verflossenen Semester war, wie uns mitgetheilt wurde, der Sohn eines Juden Chargirter bei einem Jenenser Korps. Daß auch in die burschenschaftlichen Kreise das antisemitische Gift so eingedrungen ist, daß ihnen die „Volks-Zeitung" auch hierbei „eine Nachäffung der Korps" zur Last legen kann, scheint doppelt beklagenswerth. Die in Ober- Schlesien ansässigen alten Herren der deutschen Burschenschaft haben im Oktober in Gleiwitz e i n st i m m i g folgende Resolution angenommen: