Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 563 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 563 wegen eines den Staatssekretär von Marschall beleidigenden Artikels beschlagnahmt, wegen dessen übrigens vom Reichskanzler außerdem Strafanzeige erstattet worden ist. Alle diese Dinge sind keineswegs dazu angethan, von Juden bejubelt zu werden, aber sie beweisen immerhin sonnenklar/ was von vielen Judengegnern oft beharrlich bestritten worden ist, d a ß . n ä m - lich der Antisemitismus in Deutschland seine Spitze längst nicht mehr nur gegen die Juden richtet und nicht nur diese allein zu schädigen droht. Einzelne Wortführer der Antisemiten bekennen bereits öffentlich, daß ihre Ziele weiter gesteckt sind, als im Allgemeinen angenommen wird. So hat z. B. der Neichstagsabgeordnete Liebermann von Sonnenberg am 23. Oktober im Eldorado-Saale in Dresden unumwunden erklärt: „Die Reformpartei wird ihre Thätigkeit gegen jüdische Uebergriffe sofort einstellen, wenn die Juden keinen neuen Nährstoff mehr schaffen, wenn die Ursachen zum Eingreifen aufhören. Auch dann wird die Reformpartei fortbestehen, denn eine ihrer obersten Aufgaben gelte es zu verwirklichen: dem Deutschthum allenthalben zu seiner gebührenden Stellung zu verhelfen." Das heißt mit anderen Worten doch wohl: Wo die Juden wie in Sachsen als verschwindende Minderheit keine Angriffspunkte gewähren und wenn auch anderwärts die künstlich aufgebauschte Judenfrage kein Jntereffe mehr erweckt, werden wir andere Objekte für unsere Kampfthätigkeit suchen und finden! Im Königreich Sachsen, wo der Antisemitismus zuerst am schärfsten vorging, trotzdem die Juden dort noch nicht ein Drittel Prozent der Gesammtbevölkerung ausmachen, hat der Frontwechsel der Deutschen Reformpartei sich bei dem Kampfe um mehrere bisher von Konservativen innehabte Wahlmandate bereits wiederholt deutlich genug gezeigt. Der Neichstagsabgeordnete Zimmermann verschließt sich auch nicht mehr der Erkenntniß, daß in seiner fast „judenreinen" Heimath genau dieselbenSchäden zu Tage treten, welche er auf seinen Agitationsreisen anderwärts auf dieJudenzurückzuführen bemüht ist. Als vor Kurzem der Grundbuchführer Stadtverordneter Richter in Dresden unter dem dringenden Verdachte verhaftet wurde, für Zuwendung von Geldgeschenken sich willig gezeigt zu haben, Eintragungen in das Grundbuch schneller zu erledigen und „spickende" Hppothekengläubiger zu begünstigen, schrieb Zimmermanns Organ, die „Deutsche Wacht": „Jetzt freuen wir uns, daß die Behörde die nöthigen Maßregeln ergriffen hat, um damit den Gedanken