Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Ein Nachklang von Lessing's "Nathan"
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 556 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316611-2316622-2319399--01714-2319496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
556 Im deutschen Reich. seinen Freund zufrieden zu stellm: „Ich habe über Eure Ermahnungen nachgedacht, und da Ihr sagt, daß der Statthalter Christi in Rom wohnt und dort gleichsam die Sonne und der Mittelpunkt des rechten Glaubens ist, so Hab' ich beschloffen, eine Reise dorthin zu machen, und wenn ich die Sache so finde, wie Ihr sagt, so will ich Euren Willen thun; wo nicht, so laßt von Euren Ermahnungen ab und verstattet mir, in meinem Glauben zu sterben". — Da nun Jener dieses vernahm, so erschrak er sehr und dachte in seinem Sinne: „Nun ist alles verloren"!, denn es war damals wenig Zucht und Ordnung in der Christenheit, und in Nom weniger als irgendwo. Deshalb suchte Philipp den Andern auf alle Weise von seinem Vorhaben abzubringen, indem er ihm die weite Entfernung zu Gemüth führte und die Gefahren einer solchen Reise, und daß er ja an jedem Orte der Christenheit eben so gut zu seinem Zwecke gelangen könnte. Es war aber Alles umsonst; Abraham blieb auf seinem Sinne und ging nach Nom. Nachdem er nun dort lange genug verweilt hatte, um Alles und Jedes genau zu erkunden, und hinlänglich belehrt zu sein glaubte, kehrte er u. feine Heimath zurück. Da er nun gleich am folgenden Tage seinen Freund Philipp Varatier besuchte, wollte dieser garnicht nach der Sache fragen, die ihm doch so sehr am Herzen lag; denn er glaubte, Abraham werde uun der christlichen Kirche abgewandter sein als je; und es wurden viele andere Dinge zwischen ihnen verhandelt, ehe Philipp ganz schüchtern fragte: „Und dein Glaube, wie steht es mit dem?" Da antwortete Abraham offenherzig und ohne Rückhalt, wie er an dem Hofe deffen, der sich Gottes und Christi Statthalter nenne, mehr Gräuel und Sünde gesehen und gehört habe, als er in seiner Unschuld für möglich gehalten; nicht anders, als ob den Priestern des Christenthums die Vernichtung der Religion zur Pflicht gemacht sei. Da antwortete Philipp: „Das war mir leider nur allzu wohl bekannt, und darum vornehmlich hielt ich dich von dieser Reise ab, von der ich zum voraus sah, daß sie den Funken des Glaubens, der in deinem Herzen lag, auslöschen würde." — „Nicht so, wie du glaubst", antwortete Abraham. Denn als ich allen diesen Greuel gesehen hatte, und die Entweihung der Kirche durch ihre eigenen Priester, und all den Unglauben bei denen, die den Samen des Glaubens in den Gemüthern hegen sollten, dacht' ich in meinem Herzen: „Hier wo die Bauleute selbst die Grundpfähle der Kirche