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Im deutschen Reich · 1896-11-01 · Heft 11 (November 1896) · p. 555

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 11 (November 1896)
Article
Ein Nachklang von Lessing's "Nathan"
Date
1896-11-01
Page
555 (sequence 5)
Language
German
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Lin Nachklang von Lesfing's „Nathan". 555 ie hält an ihrem Glauben fest, der Marchese aber verordnet in einem Testament, daß seine Güter verkauft werden und der Erlös >er Jüdin zufalle. In jenem Gespräch nun mit dem Marchese iußert Pennina: „Jedes Volk hält seinen Glauben für den wahren, ja bisweilen, mit Ausschluß aller übrigen, für den einzig wahren. Jedes führt Zeichen und Wunder, also Thaten, für ihn an; jedes rühmt das Wohlgefallen Gottes an ihm und hofft mit desto größerer Gewißheit auf seine Gnade, je genauer es die Vorschriften seines Glaubens erfüllt. Daher sagt, wenn ich nicht irre, einer der Lehrer Ihrer Kirche mit großer Weisheit: „Der Gerechte lebet seines Glaubens". Wie.sollte ich nicht also auch des meinigen leben? Sie sagen: Gott selbst habe ihn verurtheilt. Aber wie könnte er den Glauben verurtheilen, den er selbst vorgeschrieben und an besten Befolgung er die Verheißung seines Schutzes geknüpft hat?" „Aber spricht nicht die Geschichte, spricht nicht der Zustand Deines Volkes gegen dich?" erwidert der Marchese. „So kann es allerdings scheinen und ich weiß, daß man diesen Grund gegen uns zu richten pflegt; aber ich habe mich nie überzeugen können, daß das Glück oder Unglück eines Menschen, einer Familie oder eines Volkes für die Wahrheit oder Unwahrheit seines Glaubens zeuge; wie ja auch Eure Weisen und Gottesgelehrten sagen, daß Gott dem Gerechten und Rechtgläubigen Trübsal sende, um seinen Glauben zu prüfen. Vor vier- oder fünfhundert Jahren lebte zu Bordeaux in Frankreich ein reicher und frommer Mann, Philipp Varatier genannt, und zugleich ein Jude Abraham, ein Kaufmann, wie jener, und von gleicher Gesinnung. Diese Männer hatten des Handels wegen vielen Verkehr miteinander und lernten sich dadurch immer genauer kennen, so daß, des verschiedenen Glaubens ungeachtet, eine große Freundschaft zwischen ihnen entstand. Je mehr sich nun aber dieses Band zwischen beiden befestigte, und je mehr Philipp die Rechtschaffenheit seines Freundes erkannte, desto mehr bekümmerte es ihn, daß ein solcher Mann wegen seines Irrglaubens ewig verloren sein sollte. Darum lag er ihm öfters an, dasjenige zu thun, was Sie, Herr Marchese, mir, ohne Zweifel aus demselben Grunde und mit gleicher Gesinnung, zu thun anrathen. Nachdem die Beiden nun oft und viel über diesen Gegenstand gesprochen hatten, sagte Abraham, um 38»

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