Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Ein Nachklang von Lessing's "Nathan"
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 554 (sequence 4)
- Language
- German
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554 3m deutschen Reich. dafür. Jahrhunderte sind verflossen; große Drangsale haben das Volk gedrückt, aber der Dienst des einzigen Gottes blieb in seinem Tempel unversehrt. Fremde Gewalt hat diesen Tempel zerstört, hat das Volk, dem Gott sich zu offenbaren würdigte, aus seinem Lande getrieben; und wiederum sind Jahrhunderte verflossen, und noch immer erschallt das Lob des einzigen Gottes von den Lippen des vertriebenen, gequälten, in Staub getretenen Volkes." Auf den Einwurf der Freundin, daß nach christlicher Ueberzeugung das jüdische Gesetz durch den neuen Bund aufgehoben sei, erwiedert Pennina: „Derjenige Theil des Gesetzes, der an dem Dasein des Tempels und dem Leben unseres Volkes in Palästina hing, ist freilich aufgehoben; keineswegs aber die Verpflichtung, den einzigen Gott nach der Weise der Väter und nach ihren Gebräuchen, soweit es möglich ist, zu verehren. Und jener Prophet, der, wie Ihr sagt, das Gesetz aufgehoben und den neuen Bund gestiftet hat, lebte er nicht selbst nach dem Gesetz? In den Gebräuchen seiner Väter erzogen, beging er jährlich, wie andere seines Volkes, das Osterfest, besuchte den Tempel und feierte das Passah selbst noch am Tage vor seinem Tode. Ich habe die Schriften gelesen, die von ihm und seinem Leben handeln; ich habe sie in der reinen Absicht gelesen, mich daraus zu belehren; aber immer haben sie in mir die Ueberzeugung zurückgelassen, daß der Sohn Josefs und Marias keine andere Absicht hatte, als den Glauben seines Volkes von den willkürlichen Satzungen zu reinigen, durch die das Priesterthum überall, vielleicht nicht immer in böser Absicht, die Offenbarungen Gottes verfälscht und entstellt hatte, und die durch leere Gebräuche und Ceremonien erkälteten Herzen zu dem wahren Gotte, dem liebenden Vater nicht der Juden allein, sondern der Menschen, zurückzuführen." Man bedenke, daß der Autor dieser Erzählung, der eine solche Auslegung der christlichen Offenbarung einer Jüdin in den Mund legte, ein frommer Christ, ein christlicher Theologe war! Als der Marchese seinem Tode entgegengeht, versucht er Pennina zum Uebertritt zum christlichen Glauben zu überreden, um ihr seine unermeßlichen Güter hinterlassen zu können, von denen sie als Jüdin, die damals in Italien keinen Grundbesitz haben durfte, nicht hätte Besitz ergreifen können. Pennina bleibt stark.