Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-10-01
- Page
- 507 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 507 Versammlung beiwohnte, fand nicht ein Wort gegen diesen Bewerber, sondern zog lediglich gegen die deutsch-nationalen Friedensstörer los und befürwortete die Wahl der vorgeschlagenen Bewerber, darunter also die eines ausgesprochenen Czechen. Einer der Führer der gemäßigten Deutsch-nationalen legte Verwahrung ein, wurde aber nur verhöhnt. Dr. Lueger hat damit gezeigt, was man von seiner deutschen Gesinnung zu halten hat. Der Wiener Stadtrath beschloß, die Leitung der dortigen Stadtbibliothek zu beauftragen, die bedeutendsten antisemitischen Werke in die Bücherei aufzunehmen. Einzelnen Buchhändlern wird damit geholfen werden; im Uebrigen wirken die Maßnahmen der antisemitischen Stadtverwaltung auf den Geschäftsverkehr Wiens nicht gerade günstig ein. In dem Bericht der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer wurde darüber gesagt: „Vorliegende Anfeindung eines einflußreichen Theiles der Wiener Bürgerschaft setzt an Stelle der zum Gedeihen jeglichen Gemeinwesens unentbehrlichen Eintracht den Kraft und Unternehmungslust lähmenden Unfrieden. Eine Reihe von Geschäftsunternehmungen führen denn auch ausdrücklich den nicht zufriedenstellenden Geschäftsgang auf die Zurückhaltung und Einschränkung jener Gesellschaftskreise zurück, gegen welche die herrschende Strömung gerichtet ist." Trotz alledem ist das Ministerium Badeni auf der schiefen Ebene bereits dahin gelangt, sich mit der Bürgerpartei zu verständigen, deren Mitglieder im Abgeordnetenhaus die Erklärung abgegeben haben, dem Zustandekommen des Staatsveranschlages , nicht hinderlich sein zu wollen. Der „T. R." ist aus Wien geschrieben worden: „Die Art, wie Dr. Lueger seinen Vorgesetzten Bürgermeister in offener Gemeinderathssitzung zurechtweist, zeigt an, daß er die Maske nicht mehr lange Vorhalten will. Badeni weiß gute Dienste zu belohnen. Die ungarischen Millenniumsfestlichkeiten sind bald zu Ende, der Ausgleich ist vorläufig gescheitert, man hat keine Rücksichten mehr zu nehmen, sondern lediglich die Konstitution des neuen ungarischen Reichsrathes am 20. November abzuwarten. Gleich nachher wird der todte Mann im Rathhause, Herr Strohbach, demissioniren, und das Angebinde, das Graf Badeni seinem „bewährten Freunde" an den Weihnachtsbaum binden wird, ist die goldene Kette. Ich erfahre aus bester Quelle, daß Dr. Lueger noch vor Weihnachten Bürgern: ei st er sein wird." — Du hast's erreicht, Oktavio! Uebrigens ist zwischen der christlich-socialen Bürger-Partei und den deutsch-nationalen Schönerianern das Tischtuch bereits zerschnitten. Von den letzteren sind 11 Mann aus dem Wiener Bürger- Klub ausgetreten und haben die Bildung einer selbständigen