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Im deutschen Reich · 1896-10-01 · Heft 10 (Oktober 1896) · p. 502

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 10 (Oktober 1896)
Article
Umschau
Date
1896-10-01
Page
502 (sequence 4)
Language
German
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502 Zm deutschen Reich. ganze Mythe von der Erlösung" gefunden habe. Wer aber diese Auslassung, die wir wörtlich wiederzugeben Bedenken tragen, unbefangen prüft, der wird als Urheber dieser Glossen auS der ganzen Fassung derselben — ex ungue leonem! — niemals einen Juden, sondern einen Antisemiten von reinstem Wasser erkennen, der aus den von Juden kaum gelesenen Schriften G. Fr. Daumer's, Paul de Lagarde's und Eugen Dühring's die Abneigung gegen das dem Judenthum entsprossene „semitische" Christenthum geschöpft hat. Bezeichnend für das Wesen der antisemitischen Presse ist nachstehende Notiz, welche in fast allen antisemitischen Blättern zu lesen war: „Unter den Gästen und Besuchern des Bades Neuenahr sind, wie die ,Rheinische Volksstimme" schreibt, die Kinder Israels auffällig stark vertreten. Diese fühlen sich dort sozusagen als Herren der Situation. Dieses Selbstgefühl hat sie im Verlaufe der Saison dazu verleitet, Unterschriften zu einer Eingabe an die Direktion zu sammeln, wonach diese ersucht wurde, den Weg« fall des Chorals, mit dem das Frühkonzert der Kurkapelle regelmäßig beginnt anzuordnen. Der Antrag wurde damit begründet, daß der Choral — meist ein christliches Kirchenlied — für die jüdischen Badegäste anstößig sei. Hierauf ist den Antragstellern von der Direktion die zwar höfliche, aber doch deutliche Antwort zugegangen, es sei ihnen die Möglichkeit geboten, auf die Anhörung des Chorals zu verzichten; zu einer Aenderung der Musikordnung liege daher kein Anlaß vor. Jedem nicht durch Leidenschaft Verblendeten mußte die den jüdischen Badegästen in Neuenahr zur Last gelegte Taktlosigkeit unglaublich erscheinen, weil noch in keinem Badeorte Juden an dem überall üblichen Gebrauch, das Frühkonzert mit einem Choral einzuleiten, Anstoß genommen haben. Da der Text zahlreicher Choräle den jüdischen Psalmen nachgedichtet ist, kann das Anhören dieser Musik Juden weil eher zur Andacht stimmen, als in ihren religiösen Gefühlen verletzen. Diese naheliegende Erwägung hat die antisemitische Presse nicht veranlaßt, den Bericht aus Neuenahr auf seine Richtigkeit zu prüfen; vielmehr wurde derselbe mit merklichem Behagen schleunigst verbreitet und dabei zum Theil mit den gehässigsten Randglossen versehen. Ein Blatt verarbeitete die so wenig glaubwürdige Neuenahrer Geschichte zu einem mit der ciceronischen Frage „Quousque tandem“ überschriebenen Leitartikel, bezeichnet in diesem die angebliche jüdische Forderung als schamlos und als eine solche, bei der stch einem die Faust balle, und phantasirte nebenher noch von einem wirthschaftlichen und geistigen jüdischen Joch. Besonders war es der in demselben Artikel enthaltene aufreizende Satz, „das Judenthum strecke seine schmutzige frivole Hand aus nach dem Heiligthum der

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