Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1896)
- Article
- Fleischbesudelungs-Prozesse
- Date
- 1896-10-01
- Page
- 479 (sequence 15)
- Language
- German
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Fleischbesudelungs-Prozesse. 479 behaupten, es gäbe gar keine guten Juden. Doch wir wollen hier nicht die ganze Judenfrage behandeln, die von Dir vorgelegte Sache dürfte hiermit erledigt sein, so weit wier sie erledigen können." Aus diesem Briefe hat natürlich die dortige Bevölkerung herausgelesen, die Juden besudeln daL für Christen bestimmte Fleisch. Die Leute glaubten daher theoretisch bereits jetzt daran; aber auch die praktische Verwerthung dieses Glaubens trat schon in dieser Zeit ein. Nachdem das Urtheil in Cleve gesprochen und ich auf den Prozeß aufmerksam geworden war, veranlaßte mich das Interesse für diesen in so vieler Beziehung typischen Fall, das soeben mitgetheilte weitere Material mit Hülfe rheinischerFreunde zusammenzubringen. Dieses Material giebt nun erst den entsprechenden Hintergrund für die Zeugenaussagen im Prozeß Bonn. Diese lauteten nach der Zeitung „Deutsch": „Die meisten Zeugen bestätigen aus Befragen des Bertheidigers, daß sie die von dem letzteren immer wieder erwähnten Briefe vom 4. Juni 1892 und 11. Juni 1892 gekannt hätten. Ein Zeuge behauptet, daß durch diese Briefe und die Reden des Dr. König und Dr. Danneil allerdings eine arge Verhetzung im Kreise stattgefunden habe. An vielen Ecken und Häusern hätte man Inschriften entdeckt: „Die Juden besudeln Fleisch :c." Viele Kinder hätten sogar die Juden auf der Straße belästigt . . ." Und auch der Bürgermeister bestätigt: „Gewiß, von den Briefen habe ich gehört, doch von den anderen Dingen habe ich nichts verspürt." So sah es also in Burgwaldniel und der dortigen Gegend aus. Nicht zuerst hat man einen Beweis dafür, daß die Juden scheußliche Rohheiten verüben, sondern zuerst glaubt man daran auf Grund der antisemitischen Ausstreuungen. Einzelne Individuen behaupten sogar, sie wüßten dergleichen genau oder hätten es gesehen; diese müssen dann freilich zurückweicheu mit ihren Angaben; und erst nachdem jener Glaube sich festgesetzt hat, stellt sich auch „der Beweis" ein. Aber auch dieser „Beweis" kommt nur auf einem Umwege zu Staude. Nicht die beiden späteren Zeugen sind zunächst die Angreifer.