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Im deutschen Reich · 1896-10-01 · Heft 10 (Oktober 1896) · p. 472

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 10 (Oktober 1896)
Article
Fleischbesudelungs-Prozesse
Date
1896-10-01
Page
472 (sequence 8)
Language
German
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472 Im deutschen Reich. Ergebniß der Beweisaufnahme in diesem Falle Rohheit oder Cynismus als treibende Kräfte anzunehmen. So spähten sie nach einem anderen Zusammenhang. Mit welchem Erfolg? Die Zeitung „Deutsch" berichtet, daß der Staatsanwalt sagte: „Die Angeklagten haben die schmutzige That begangen. Aus welchen Gründen sie dieselben vollführten, lasse ich unerörtert, es ist auch überflüssig, jedes Wort ist unnütz." Und in dem Erkenntniß heißt es: „Welche Absicht und welcher Zweck den Isaak Bonn bei seinem Verfahren leitete, entzieht sich der Kenntniß des Gerichts, erscheint aber auch einer festgestellten Thatsache gegenüber unerheblich." So hat man denn eine That, für die ein Motiv weder Staatsanwaltschaft noch Gerichtshof angeben oder auch nur klar anzudeuten sich veranlaßt finden oder vermögen. Das macht den Fall merkwürdig. Da die Bonns aber keine Wahnsinnigen sind, so muß sich eine psychologische Erklärung für ihr Thun finden lasten, und wenn man den Vorgang ganz genau betrachtet und in seine charakteristischen Einzelheiten zergliedert, so gelangt man auch zu einem Ergebniß, das wenigstens zeigt, welche Psychologie die — Zeugen aus dem, was sie beobachtet haben wollen, herauslasen. Die beiden Zeugen sind Winterscheidt und van Treck, ganz junge Leute, der eine kam später erst auf eine Baugewerkschule, der andere war Maurerlehrling; sie sind unbescholten; neben dem Schlachthaus im Kuhstall waren sie mit Maurerarbeiten beschäftigt. Das Erkenntniß besagt: „Der Kuhstall hat nur einen einzigen Zugang und zwar durch eine Thür vom Schlachthause aus; er ist voin letzteren durch eine kaum mannshohe Blauer getrennt und empfängt auch, weil sonst ohne Fenster, von dorther sein Licht." Von hier aus wollen Winterscheidt und van Treck ihre Beobachtungen gemacht haben. Das Erkenntniß sagt: „Gegen 6^/2 bis 7^ Nachmittags sei Isaak Bonn zu dem im Schlachthaus beschäftigten David Bonn gekommen und habe gefragt, ob die Kuh koscher geschlachtet sei. David hätte diese Frage zuerst verneint, dann, nachdem Isaak Bonn ihn angestoßen, sie bejaht; Isaak Bonn wäre für kurze Zeit, vielleicht 10 Minuten, abberufen worden. David Bonn hätte währenddessen ein Stück, etwa ein Viertel, von der an einem Flaschenzuge ausgehängten Kuh ab-

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