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Im deutschen Reich · 1896-09-01 · Heft 9 (September 1896) · p. 443

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 9 (September 1896)
Article
Umschau
Date
1896-09-01
Page
443 (sequence 9)
Language
German
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Umschau. 443 antisemitische Berliner „Staatsbürger-Ztg." suchte dieses entschiedene Dementi dadurch abzuschwächen, daß sie behauptete, das „D. Volksblatt" habe garnicht von einem „Erlaß", sondern nur von einer „Anempfehlung" gesprochen, die, wenn sie erfolgt wäre, von einer richtigen Beurtheilung der Verhältnisse gezeugt hatte. Voraussichtlich wird der Besuch der österreichischen Abgeordneten Lueger und Schneider in München dem Centrum keinen Abbruch gethan und der antisemitischen Partei ebenso geringen Nutzen gebracht haben, wie die wiederholten Maffenbesuche Wiener Antisemiten ihren Dresdner, Berliner und Hamburger Gesinnungsgenossen. Daß bei der Anwesenheit der Wiener „deutschnationalen" Antisemiten, der Schönerianer strengster Observanz, in Berlin von dem Führer Hauck der Zwist' mit den christlich-sozialen Antisemiten in Oesterreich lebhaft betont wurde, hat hier vielfach ernüchternd gewirkt. In Friedrichsruh wurden die Schönerianer von dem Fürsten Bismarck selbst nicht empfangen; den von ihnen als Huldigungsgabe mitgebrachten altdeutschen Schild nahm im Namen des Fürsten Herr Di\ Chrpsander entgegen. Dieser dürfte aber bei den Antisemiten dieses Schlages kaum beliebt sein, da das Sedlatzeksche Blatt sich (Nr. 55 vom 7. Juli) zu folgender Leistung verstieg: „Der Küchenchef Bismarck's, Schlaume Seelig, welcher verhaftet wurde, genoß im Hause großes Vertrauen, genau wie der Sekretär Bismarck's, Chrysander und ebenso sein „Leibarzt" Jud' Schwenninger!!" Unverständlich ist es, warum in dieser Notiz nicht auch Herr Dr. Chrysander zum Juden gestempelt wird. Auf einen mehr konnte es doch dem „Schriftleiter in Weichselmünde" nicht ankommen! — Der Parteigenosse Hauck's, Paul von Pacher, hat kürzlich sein Mandat als Mitglied des Wiener Gemeinderaths niedergelegt, weil der Stadtrath auf Antrag Lueger's den Magistrats-Vizedirektor Tachau, den Sohn eines getauften Juden, zum Magistratsdirektor ernannt und dadurch an die Spitze des städtischen Beamtenkörpers gestellt hatte. Die Agitationsreisen Luegers scheinen wenig erfolgreich zu sein. In Budweis in Böhmen wurde er mit den Rufen: „Nieder mit dem Pfaffenknecht, dem Volksverräther!" empfangen und von der Menge bedroht. In der wenig besuchten Versammlung fand er nur bei den Czechen Beifall. Bei der Abreise von Budweis mußte ihn die Gendarmerie vor Thätlichkeiten schützen. Der ausschließlich in der ö st e r r e i ch i s ch e n Reichshauptstadt mit dem „Damenliebling", dem schönen Karl Lueger, getriebene Person e n-K ul t u s hat Blüthen getrieben, welche den Behörden gründlich mißfallen. Die „Wiener Ztg." vom 7. August brachte nachstehende amt-

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