Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 9 (September 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-09-01
- Page
- 440 (sequence 6)
- Language
- German
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440 3m deutschen Reich. welche jetzt Gras gewachsen sei, wieder aufzurühren, auch Graf Nevenllow seine Rechtsanwaltschaft niedergelegt habe und von Kiel verzogen sei." Für uns ist die Sache damit nicht abgethan. Ueber diesen Antisemiten - Häuptling einer Provinz, in der mit Ausnahme der Stadt Altona fast keine Juden wohnen, schrieb die „Rheinisch-Westfälische Zeitung": „Er machte sich anfangs als gerichtlicher Vertheidiger der dänischen Publizisten in Nordschleswig bemerkbar, galt dann für einen Anhänger der Sozialdemokratie, welche Tendenz er jetzt also mit der antisemitischen vertauscht hätte. Welche. Wandlung die letzte sein wird, bleibt abzuwarten." — Erst Dänenfreund, dann Sozialdemokrat, jetzt Antisemit — das ist für den Sohn des Grafen Ludwig Reventlow in Husum, der zu den Mitstiftern des deutschen Nationalvereins gehörte, wahrlich eine sonderbare Laufbahn! Wie der Reichstagsabgeordnete Werner in einer Versammlung in Moabit mitgetheilt hat, will die deutsch-sozialeReformpartei in der nächsten Reichstags-Session bei der Etatsberathungdie „Bashford-Poftaffaire" abermals zur Sprache bringen. Das Organ des Abg. Zimmermann kündigt an, daß die Partei bei der Etatsberathung eine solche Konkurs- Statistik verlangen werde, welche über die persönlichen Verhältnisse, insbesondere über das Religionsbekenntniß des Gemeinschuldners Auskunft giebt. Ob derartige Pläne aussichtsvoll sind, hängt davon ab, wie weit die Reformpartei in der nächsten Session Unterstützung bei anderen Fraktionen finden wird. Die Aussichten sind für die Reformpartei keine sehr günstigen, nachdem selbst das christlich-soziale Blatt „Volk" nicht mehx eine entschieden antisemitische Richtung einhält. Der neue Leiter, Dietrich von Oertzen, versicherte zwar, daß in der Frage des Semitismus und Antisemitismus die Haltung unverändert bleiben werden er fügte aber hinzu: „Den Grund der sozialen Wirren erkennen wir nicht im Judenthum, sondern im Kapitalismus und in seinen Auswüchsen, an denen dann freilich wieder die Juden in hervorragender Weise betheiligt sind. Wir sind der Ansicht, daß, wer nicht das Kapital, aber den Kapitalismus bekämpft, am wirksamsten auch den Juden die Möglichkeit nimmt, das geltende Recht für ihre geschäftlichen Sonderzwecke auszubeuten." Der Versuch des ehemaligen Hofpredigers Stöcker, eine neue „kirchlich-soziale" Partei zu gründen, dürfte der antisemitischen Partei weder Abbruch thun, noch zu Statten kommen. Ueber die lebhaften Versuche der Antisemiten, in Süddeutschland Boden zu fassen, äußerte sich ein badischer Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" in folgender Weise: „Die Antisemiten machen im